© Tages-Anzeiger; 20.07.2009; Seite 33ges© Tages-Anzeiger; 20.07.2009; Seite 33ges
Durchzittert von Angst in der flirrenden Hitze der Sahara
Von Martin Ebel
Der dunkle Kontinent scheint zum fruchtbaren Pflaster für Schweizer Autoren zu werden: Meisterhaft polemisierte Lukas Bärfuss vergangenes Jahr in «Hundert Tage» gegen die Verwicklung hiesiger Entwicklungshelfer in die ruandische Katastrophe. Daniel Goetsch nimmt sich nun einer anderen gut gemeinten Mission an, bei der die Schweiz beteiligt ist: der Minurso, die in der Westsahara den Waffenstillstand überwachen und ein Referendum organisieren soll.
1991 bezogen die Militärbeobachter und Soldaten Stellung; das Referendum ist bis heute nicht zustande gekommen, weil beide Seiten - diejenigen, die einen Anschluss an Marokko wollen, und die Anhänger der Unabhängigkeit - wechselweise die Wählerlisten anfechten. Daniel Goetschs Ich-Erzähler gehört zu dieser Mission; die immergleichen wöchentlichen Berichte an die Zentrale, in denen er lediglich die Adjektive austauscht, spiegeln ihre Sinnlosigkeit.
Im Camp, zu dem neben den Wohncontainern der Uno-Beobachter auch eine Krankenstation und ein Lager mit Zehntausenden von Flüchtlingen gehören, treffen Erste und Dritte Welt paradigmatisch aufeinander und verfehlen sich zugleich. Die Lagerinsassen wollen nichts anderes als sich nach Europa durchschlagen und all das werden und bekommen, was die Weissen sind und haben. Deren humanitäre Mission hat wiederum keinen anderen Zweck, als ihnen genau das vorzuenthalten, indem man sie in Afrika festhält.
Goetsch formuliert diese Einsichten explizit und verkörpert sie in seinen Figuren, die verschiedene Stadien der Erkenntnis durchleben. Mendes, ebenfalls ein Uno-Beobachter, verrät seine Mission, indem er das nach seinem Gewissen einzig Richtige tut: Er unterhält eine «Fluchtschule», die die Lagerinsassen auf das Leben in Europa vorbereitet. Der Architekt Duncker kommt mit dem Ziel ins Camp, das «perfekte Dorf» für die Sahraouis zu bauen; unter dem Druck der Verhältnisse macht er Kompromiss über Kompromiss, lässt sich sogar mit dem Chef der Drogenschmuggler ein und muss erleben, dass sich sein Dorf in ein perfektes Gefängnis verwandelt.
«Du bist nett, aber schwach, du tust nichts, also auch kein Leid, bist nicht böse, auch nicht gut, guckst nur, schaust zu, ein richtiger Beobachter», wirft eine der «Leilas», der Lagerhuren, dem Ich-Erzähler vor. Dieser setzt selbstkritisch noch einen drauf: Gaffer seien sie, hilflos gegenüber dem Elend und der unaufhaltsamen Dynamik des Drifts nach Norden; ausserdem durchzittert von Angst vor denen, denen sie helfen sollen.
Gescheiterte Leben, radikale Brüche
Unter den Uno-Vertretern grassiert das «Fremdenlegionärssyndrom»: Alle haben sie eine Geschichte zu erzählen, die von einem gescheiterten Leben, einem radikalen Bruch handelt. Der Ich-Erzähler erzählt uns die seine: Wie er Alma verloren hat, die er seit der Schulzeit liebt, mit der er «das System» von innen aufbrechen will, die dann Karrierejuristin wird und rechte Hand eines rechten Politikers (diese Passagen, die politischen wie die privaten, gehören zu den stärksten des Romans; schmerzhaft zu verfolgen, wie eine Beziehung, die vom Zauber des Anfangs lebt, sich so veralltäglicht, dass ihr nur noch die Erinnerung an diesen Anfang bleibt.
Das Fremdenlegionärssyndrom bedeutet aber auch: Die Beobachter sind mehr oder weniger alle aus persönlichen Gründen hier. Nicht sie wollen die Sahraouis, die Mission soll sie retten. Das ist das, was die Existenzialisten «mauvaise foi» nannten, eine besonders perfide Form der Selbsttäuschung, die Goetsch mit zunehmender Schärfe herausarbeitet. Vorzüglich gelingt es ihm ausserdem, das «Setting» zu inszenieren, die in der flirrenden Hitze immer surrealer werdende Landschaft, in der sich die Männer mit Dattelschnaps und den «Leilas» betäuben. Ein in intensiven Farben leuchtender, literarisch anspruchsvoller, politisch hellwacher Roman. Respekt!
Daniel Goetsch: Herz aus Sand. Roman. Bilgerverlag, Zürich 2009. 286 S., ca. 36 Fr.
Gruss
Heinrich




