Gegen 6:00 Uhr wache ich durch Schreie auf. Kurze heftige Schreie. Keine Schreie, die Schmerz oder Panik verursachen. Es muss sich draußen in der Nähe meines Zimmers etwas anderes abspielen.
Auf dem Weg zur morgendlichen Dusche entdecke ich einen älteren Herrn, der einem jungen Mädchen Kung Fu Verteidigungstechniken lehrt. Der Herr, vermutlich der Vater oder Großvater des jungen Mädchens, trainiert Bewegungsabläufe, die dem Mädchen vermutlich helfen sollen, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Sind es die Sorgen des Mannes, dass das Mädchen Angriffen von Männern ausgesetzt werden sein könnte? Angriffe, besonders sexueller Natur, von denen man in der Presse immer wieder liest?
Eigentlich steht heute der Besuch des Khan al Kallili Marktes auf meinem Programm. Ich mache mich also auf in Richtung Nord Osten. Die Straßen sind noch relativ leer. In der nähe des Talaat Harb Square spricht mich ein älterer Herr vor seinem Lebensmittelladen an.
Hello, where are you going?
Khan al Kallili Market, lautet meine Antwort.
Der Herr meint, dass am Markt heute nicht viel los sei, da heute und morgen Feiertag ist. Auch in Kairo wird das Osterfest gefeiert. Said, so stellt sich der 68jährige vor, bietet mir an, auf einem Stuhl vor seinem Laden platz zu nehmen und mit ihm einen Tee zu trinken. Said erzählt mir, dass er viele Jahre für die Security gearbeitet hat und jetzt diesen Laden betreibt. Er öffnet ihn morgens um 6:00 und wartet dann, bis ein Angestellter den Tagesbetrieb übernimmt. Gegen 8:00 macht sich Said dann wieder nach hause nach Giza. Zum Tee knabbern wir einige Plätzchen. Das Alter sieht man Said nicht an. Er ist gut durchtrainiert, nur die Knie machen ihm zu schaffen meint Said. Der alte Geschäftsmann klagt auch über die derzeitige Situation in Ägypten. Ich frage ihn, was die Revolution gebracht hat. Er meint nur: hör auf von Revolution zu sprechen. Nach einer Revolution sollte eigentlich alles besser werden. Tatsächlich wurde danach alles viel schlechter und zwar in einer Geschwindigkeit, wie wir es nicht erwartet haben. Auch Said hofft auf die Wahlen und dass Sisi der starke Mann sein wird, der in Kürze alles richten wird. Die Muslimbrüder hätten viele Versprechen gemacht, aber nichts davon gehalten.
Said stellt mir einen pensionierten Polizeigeneral vor, der mit seinen zwei Enkelinnen an Saids Laden vorbeikommt. Der General betreibt immer noch eine Securityfirma.
Gegen 8:00 Uhr trifft Saids Angestellter ein. Said übergibt ihm den Laden und fragt mich, ob ich ihn ein Stück in Richtung Giza begleite. Ich nehme gerne an und wir machen uns zu Fuß auf zum nahegelegenen Midan Abdel Monheim Riyad, dem Busbahnhof, von dem Busse in alle Richtungen bis zum Flughafen abgehen. Wir bezahlen 1 £E pro Person und schon sind wir unterwegs in Richtung Pyramiden.
Said hat drei Töchter und zwei Söhne und freut sich immer wieder zu seiner Familie nach hause kehren zu können. Zunächst zeigt er mir noch die Umgebung. Im staatlichen Reitstall (wenn ich das so richtig verstanden habe) nehmen wir noch einen Tee und sprechen mit einem Tourenveranstalter, der klagt, dass die Touristen ausbleiben. Die Pferde und Kamele stehen in den Ställen, ohne dass sie für ihre eigentliche Aufgabe, Touristen durch die Landschaft zu tragen eingesetzt werden können. Nach der Revolution, als sich die Angriffe und Diebstähle auf dem Gelände der Pyramiden häuften, wurden hohe Eisenzäune um das Gelände errichtet, sagt der Tourguide, um zu verhindern, dass Diebe über die Mauern klettern. Ich war schon einmal vor einigen Jahren hier. Heute, ohne Touristenbetrieb ist es hier totenstille.
Said und ich gehen gemeinsam zurück zur Bushaltestelle, wo wir uns voneinander verabschieden.
Ich beschließe, auf den Bus zu verzichten und laufe die knapp 14 Kilometer über den Giza Square zurück zum Nil.






































