Marokko 2026 | Im Bulli ins Rifgebirge und zu den spanischen Besitzungen

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Hans Peter
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Marokko 2026 | Im Bulli ins Rifgebirge und zu den spanischen Besitzungen

Beitrag von Hans Peter »

2026 Marokko
Reise zu den spanischen Felsen vor der marokkanischen Mittelmeerküste
Anreise


Es ist April und wir sind unter blauem Himmel und Sonnenschein in Andalusien unterwegs.
Nach einigen Strandtagen im sonnigen Südfrankreich fuhren wir durch wolkenverhangenes
Spanien: Katalonien, Valencia, Murcia.
In Almeria erreichen wir die Küste und freuen uns über das vor uns liegende ruhige Mittelmeer.
Am besten gleich mal in den Hafen und schauen, wann und für welchen Preis Fähren nach Nador
und Melilla fahren.
Noch heute gegen Mitternacht legen sie ab. Bulli und zwei Personen nach Nador kosten 330 Euro,
nach Melilla aber nur 145 Euro. Nach etwas Überlegen und Gesprächen mit anderen Reisenden, die
bereits im Hafen warten, buchen wir die Passage bei Armas nach Melilla, Ankunft nach 180 km
Seereise morgen früh gegen 7 Uhr.
Unsere schon etwas heruntergekommene RoRoFähre heißt Vulcan de Timanfaya, ist in Las Palmas
registriert und 22 Jahre alt. Sie verkehrte früher zwischen den Kanarischen Inseln und wird vor der
Verschrottung (?) nun hier eingesetzt. Die Mitreisenden sind hauptsächlich Marokkaner, sie legen
sich nach der Abfahrt sofort zwischen den Ruhesesseln auf den Fußboden schlafen.

Melilla
Nach ruhiger Überfahrt und trotzdem wenig Schlaf verlassen wir die Fähre am Morgen und suchen
uns einen Parkplatz in der Stadt zum Weiterschlafen. Erst am späten Vormittag machen wir uns auf
zum Tanken und Vorräte Einkaufen bei Family Cash. Melilla gehört zwar zur EU, aber viele Waren
sind zollfrei steuerreduziert, Diesel kostet aktuell 1,32 Euro pro Liter.
Dann frühstücken wir in Ruhe am Strand Playa de la Hipica kurz vor der Grenzmole zum direkt an￾schließenden marokkanischen Hafen von Nador.
Melilla liegt an der Ostseite der Kap Tres Forcas Halbinsel, ist seit Jahrtausenden besiedelt, seit
1497 spanisch und seit 1995 eine autonome Stadt im Königreich Spanien. Das Gebiet hat gut
86.000 Einwohner, davon rund die Hälfte muslimischen Glaubens und fast die gesamte Fläche von
ca. 14 km² ist bebaut. Es gibt einen kleinen Flughafen, der historische Stadtkern erstreckt sich um
den Hafen unterhalb der gut erhaltenen Festung. Eine imposante Grenzbefestigung aus hohen Me￾tallgitterzäunen umgibt die Stadt und grenzt sie gegen Marokko ab. Im kleinen Grenzverkehr kom￾men täglich Hunderte Marokkaner, meist Imazighen (Berber) aus dem Umland in die Stadt zur Ar￾beit oder zum Einkaufen. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Melilla
Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 beansprucht Marokko Melilla, das ca. 400 km weiter west￾lich gelegene Ceuta sowie einige kleine spanische Inseln vor der nordafrikanischen Küste, die zur
Gruppe der Plazas de soberanía (Orte der Staatshoheit) gehören. Die Gebietsansprüche werden je￾doch aktuell nicht vorangetrieben, da Marokko in vieler Hinsicht (Handel mit Europa, Status der
Westsaharagebiete) von guten Beziehungen zu Spanien profitiert.
Gegen Mittag fahren wir zum Grenzübergang und stellen uns ans Ende einer recht langen Warte￾schlange. Im Schneckentempo geht es voran, nach 2 Stunden haben wir die marokkanischen Kon￾trollen erreicht. Da es hier keinen Fahrzeugscanner gibt, muss ich den Bulli in Begleitung eines Of￾fiziellen zum nahen Hafen von Nador fahren und dort unter den Scanner. Nach 1 Stunde sind wir
zurück und der Bulli wird noch einmal durchsucht. Sie finden aber nichts zu beanstanden.
Im Grenzort Beni Enzar besorgen wir uns gleich noch Simkarten von Maroc Telecom, die Jungs in
dem kleinen Laden geben sich sehr viel Mühe mit dem Einlegen, der Aufladung und der Freischal￾tung der Karten. (Kosten: Simkarte 10 DH, Aufladung 50 DH, Arbeit 10 DH - Kurs 1 € = 10 DH)


Plazas de soberanía

Orte der Souveränität nennt Spanien drei
kleine Gebiete an der marokkanischen
Mittelmeerküste, die es bei der Unab￾hängigkeit Marokkos behalten hat und
bis heute nicht räumen will.
Spanien argumentiert, diese Orte, wie
auch Melilla und Ceuta, seien seit vielen
Jahrhunderten spanischer Besitz, hätten
nie zu dem 1912 eingerichteten Protek￾torat „Marruecos“ gehört und seien da￾mit auch nicht Teil des Räumungsvertrags 1956 gewesen.
Sie wurden von Marokko im 1799 von beiden Königreichen unterzeichneten Abkommen über Frie￾den und gute Nachbarschaft als spanisch anerkannt und im darauffolgenden Vertrag von Wad-Ras
im Jahr 1860 bestätigt. Dieser Vertrag setzte dem „Krieg um Afrika“ zwischen den beiden Nationen
ein Ende. Als Franco 1956 das Ende des spanischen Protektorats erklärte, verblieben diese Territori￾en unter spanischer Souveränität, da sie administrativ niemals Teil des Protektorats gewesen waren.
Daraus ergeben sich diese Kuriositäten der Weltgeschichte und wir beschließen spontan, uns die Or￾te in den nächsten Tagen mal genauer anzusehen.
Melilla und Ceuta sind ja bekannt und auch leicht zu erreichen, aber wer kennt schon die
Islas Chafarinas, die Islas und den Peñón de Alhucemas, den Peñón de Vélez de la Gomera oder
gar die Isla de Perejil?
Sie liegen fast zum Anfassen nah vor der Nordküste Marokkos und sind doch unerreichbarfür Ma￾rokkaner und Touristen.


Ras el Ma und die Islas Chafarinas

Die Küstenstraße N16 von Nador nach Osten ist gut ausgebaut und führt zunächst im Flachland am
Binnenmeer Mar Chica entlang, das ist eine Lagune mit einer schmalen Verbindung zum Mittel￾meer und schönen Bademöglichkeiten an den Stränden der Nehrung.
Etwa 50 km nach der Grenze kommen leicht erkennbar drei Inseln in Sicht. Im nächsten Ort,
Ras el Ma, dem Kap des Wassers, stehen wir nach dem Erklettern der Hafenschutzmauer direkt vor
der Inselgruppe Islas Chafarinas.
Nur 4 Kilometer von uns entfernt ragt der dunkle runde Felsen der westlichen Isla Congreso aus
dem Meer, die mittlere recht flache Isla Isabel II beherbergt eine gut sichtbare Ortschaft mit Leucht￾türmen, einer historischen Kirche, dem spanischen Militärstützpunkt für etwa 200 Personen und ei￾nem Hubschrauberlandeplatz, während die östliche hügelige Isla del Rey unbewohnt ist, allerdings gibt es dort einen historischen Friedhof.
Spanien besetzte die Inseln 1848 kurz vor Ankunft der Franzosen, die Einwohner werden von Me￾lilla und Spanien aus versorgt, eine Überfahrt von Ras el Ma aus ist nicht möglich.
Wir sind nicht die einzigen Besucher hier an diesem Abend, der Blick auf die Inseln und das Her￾umklettern auf den Felsen des Kaps lockt doch schon einige Menschen her.
Zum abendlichen Ausklang lassen wir uns in einem netten Resto frisch gegrillte Doraden mit ma￾rokkanischem und Pommes Frites servieren, die wir unter den schmachtenden Blicken etlicher Kat￾zen genießen.

Saidia und die algerische Grenze
Wenige Kilometer Richtung Osten erstreckt sich der herrliche breite Sandstrand des Badeortes Sai￾dia bis an die seit 1994 geschlossene Grenze zu Algerien. Die Corniche führt direkt am Strand ent￾lang, viele Strandcafés laden zum Kaffetrinken ein und am westlichen Ende der Straße findet sich
ein guter Stellplatz für Womos. Wir wandern den langen Strand entlang, holen uns einen Sonnen￾brand und nähern uns bis zum Absperrband der Grenze. Auf der letzten Mole Marokkos Stehen ist
ein beliebtes Fotomotiv der einheimischen Besucher, also auch für uns.
Beide Staaten haben eine Fahnenmastreihe aufgestellt und so sieht man schon von Weitem die roten
Flaggen Marokkos vor den grün-weißen Algeriens. Die Grenze ist nicht ungefährlich, vor drei Jah￾ren sind zwei von vier französisch-marokkanischen Urlaubern, die ohne Beachtung der Grenze hier
Jetski fuhren, von der algerischen Küstenwache beschossen und getötet worden.


Nador

Wieder Richtung Westen und Rifgebirge unterwegs, finden wir mit Glück und park4night im Küs￾tenvorland bei El Berkanyine den netten einfachen Campingplatz Riad Ocean View, der leider nicht
an der N16 beschildert ist. Herr Abdel spricht sogar Deutsch und bietet auf Vorbestellung auch
Abendessen an. Der Pfau ist laut und nett, die Kakerlakengroßfamilie an der abendlichen Toiletten￾decke bestätigt aber die Erkenntnis, dass hier wirklich Afrika ist.
Nach Einkauf im großen Marjane von Nador erleben wir neben der Autobahnbaustelle die ersten
Ausläufer des Rifgebirges. Kurvenreich geht es zunächst am Meer entlang, in der Kaffeepause mit
supertollem Felsküstenmeeresblick genießen wir die eben gekauften Konditorenmeisterwerke
marokkanischer Patisserie!

Die Inseln und der Peñón de Alhucemas
Kurz vor der Hafenstadt Al Hoceima, der heimlichen Hauptstadt des Rif und dem mehrfachen Zen￾trum von Protesten gegen die marokkanische Regierung in den vergangenen Jahren, passieren wir
den Flugplatz und das Provinzhospital. Im Vorort Ajdir biegen wir in die Stadt Richtung
Strand Plage Sfiha ab und haben sehr bald einen tollen Blick auf die riesige Bucht von Al Hoceima.
Darin zum Greifen nah ein mit weißen Gebäuden eng bebauter Felsen - das ist er, der Peñón, der
Felsen von Alhucemas, 700 Meter entfernt, die spanische Flagge ist bei genauem Hinsehen gut zu
erkennen.
Ziel erreicht, wir stellen uns in eine Seitenstraße nahe der Strandrestaurants und spazieren ans Ufer.
Welch Überraschung: vor uns liegen nicht einmal 50 Meter entfernt zwei flache grüne Hügelinseln,
mit Gras bewachsen, menschenleer, auch Tiere sind nicht zu sehen.
Auch diese beiden Inseln gehören zu Spanien, Isla de Tierra und Isla de Mar heißen sie, wahr￾scheinlich könnte man durch das seichte Wasser einfach hinüber waten. Auf der OSM Landkarte
die nächste Überraschung, das spanische Hoheitsgebiet umfasst ja auch noch Wasserfläche und
reicht bis an den Strand auf dem wir stehen.
Hinter uns, direkt am Berg zum Ende des Strandes hat das marokkanische Militär ein Gebäude, be￾wacht hier das komische Grenzgebiet, aber alles ganz locker, es gibt wie (fast) immer keine beson￾deren Vorkommnisse.
Die Alhucemas-Inseln – die der Saadi-Sultan Moulay Abdallah im Jahr 1560 im Austausch gegen
Schutz vor der osmanischen Armee an die spanische Krone abgetreten hatte – bereiteten der spani￾schen Regierung in jüngster Zeit nur einmal Probleme.
Im Juni 2010 verbrachte König Mohammed VI. von Marokko seinen Urlaub auf der Yacht eines
Freundes in der Bucht von Al Hoceima. Verärgert über die Tiefflüge, die ein spanischer Militärhub￾schrauber zwischen Melilla und dem Peñón de Alhucemas durchführte, um die Garnison der spani￾schen Enklave zu versorgen, legte er bei der spanischen Regierung Protest ein. Der Generalstab re￾agierte entsprechend und setzte die Flüge vorübergehend aus. Man sprach sogar eine Entschuldi￾gung aus. Das Handeln erfolgte jedoch zögerlich – eine Verzögerung, die eine erneute diplomati￾sche Krise zwischen den Nachbarn beiderseits der Meerenge auslöste.
Ein besonders schönes Bild ist der Felsen bei Nacht, wenn sich die üppige Beleuchtung vor dem
Sternenhimmel im schwarzen Wasser der Bucht spiegelt. Wir genießen das und verbringen die
Nacht mit wilden Hunden auf dem Parkplatz gegenüber.

Der Felsen von Badis - Peñón de Velez de la Gomera
Unser nächstes Ziel ist noch kurioser als der spanische Felsen in der Bucht. Es ist ein Felsen mit ei￾ner Landverbindung zu Marokko, auf der heute die 85 Meter lange bewachte Grenzlinie verläuft.
Das ist weltweit die kürzeste Grenze zwischen zwei Staaten. Die Landverbindung entstand erst in
den 30 Jahren des 20. Jahrhunderts durch natüriche Sandaufspülung in Folge eines Erdbebens.
Der Peñón de Vélez de la Gomera ist 1,9 km² groß und besteht aus zwei Teilen, wovon nur der
westliche bebaut und heute noch von einer ca 60-köpfigen spanischen Militärabordnung bewohnt
ist, der kleinere östliche Felsen (La Isleta) ist kahl und unbewohnt.
Die Spanier haben keinerlei Kontakt zu den beiden direkt gegenüber liegenden Dörfern.
Für den Notfall gibt es aber unten links ein grünes Metalltor und auch eine Anlegestelle.
Seit 1508/1564 gehört der Felsen zu Spanien, seinerzeit besetzt, um einen Stützpunkt gegen Piraten
zu haben. Doch in den Tiefen der Geschichte hat dieser Ort eine weitaus größere Bedeutung gehabt.
Der Felsen vor der Bucht an der Mündung eines fruchtbaren Tales lockte schon frühe Seefahrer an
und so bildete sich dort ein Handelsort mit geschütztem Hafen. Der antike Name war Parientina,
später war auch Belis oder Badès in Gebrauch.
Interessant, aber erst einmal müssen wir diesen Ort finden. Wir fahren also am Morgen sorglos und
unaufmerksam bei schönstem Wetter die N16 entlang nach Westen, kommen an einen Kreisverkehr
und nehman die Abzweigung N8 zur Küste nach Torres de Alcala und Cala Iris, daneben liegt ja
laut Landkarte unser Felsen.
In Cala Iris (kleiner Hafen, große Strandpromenade) angekommen, sehen wir zwar ein paar Inseln,
aber unbewohnt und von Wasser umgeben. Genaueres Nachschauen hilft und es wird klar, dass wir
vom Nachbarort Torres aus einen 5 km langen Wanderweg über die Berge nach Osten zur Talmün￾dung mit unserem Felsen nutzen können.
Wir verwerfen diesen Plan. Also zurück zur N16 und in den Ort Rouadi, von dort aus die Neben￾straße ins Oued Snaddi nehmen und darauf bis zur Mündung beim Peñón fahren, locker 50 Kilome￾ter. Die Straße ist schmal, kurvig, teilweise unübersichtlich und hat steile Steigungen, bietet aber auch grandiose Aussichten.
Gegen Mittag erreichen wir die Mündung und können bis zu den paar Häusern direkt vor dem Fel￾sen rollen. Weiter geht es zu Fuß, ein Schlagbaum und ein Militärgebäude lassen uns zum steinigen
Strand abbiegen. Schon stehen wir vor dem Band, das die Grenze markiert, ein Soldat sitzt auf ei￾nem Stuhl in einem Wachhäuschen, er interessiert sich nicht für uns.
Am Felsen steht ein Schild, zwei rot-gelb-rote spanische Flaggen sind an den Felsen gemalt. Vorm
Gebäude auf dem Felsen patroulliert hinter einer halbhohen Mauer eine spanische Soldatin.
Die Verbindungsbrücke zum Nachbarfelsen La Isleta in schwindelnder Höhe sieht nicht mehr gut
aus, ist wohl so nicht mehr nutzbar.
Ein paar Fischerboote liegen auf dem Strand der Landverbindung, ein Junge und ein Mann machen
sich daran zu schaffen, wir wechseln ein paar Worte. Wir machen Fotos, kein Problem, trinken noch
einen Kaffee am Tisch vor einem Café/Krämerladen, in dem einheimische Männer rumsitzen, eini￾ge flechten Strohhüte. Dann fahren wir wieder.
In Sichtweite des Felsens am östlichen Ufer des Oued Snaddi besuchen wir im Dorf Badès die Res￾te der archeologischen Ausgrabungsstätte mit verwitterter Infotafel. Hier war lange der Mittelmeer￾hafen der uralten marokkanischen Königsstadt Fès und ein wichtiger Handelsort bis ins Mittelalter
hinein. Als Leo Africanus sie im frühen 16. Jahrhundert besuchte, fand er sechshundert Häuser mit
rund 3000 Bewohnern vor.
Mit dem Aufkommen der modernen Seefahrt verlor der Handelshafen an Bedeutung und geriet
schließlich in Verfall und Vergessenheit.
Im Jahr 2012 trat der Peñón de Vélez de la Gomera aus seiner gewohnten Bedeutungslosigkeit her￾vor, als sieben Aktivisten eines „Komitees für die Befreiung von Ceuta und Melilla“ (CLCM) die
winzige Grenze überschritten und marokkanische Flaggen am Felsen hissten. Vier von ihnen wur￾den festgenommen, und surreale Bilder – die spanische Soldaten in Badehosen zeigten, wie sie die
Nationalisten bewachen, während diese am Boden liegen – gelangten in die Medien beider Länder.

Das Rifgebirge
Unser Weg führt uns nun weiter nach Westen mit etlichen Steigungen, Kurven und Abfahrten durch und über das grüne und blühende küstennahe Rifgebirge, das von 1912 bis 1956 mit dem Hauptort Tetuan ein sogenanntes spanisches Protektorat war. Die Einwohner, die Berber des Rifs, wehrten sich lange Jahre gegen die spanischen Unterdrücker, riefen sogar einen eigenen Staat aus (die Rifrepublik mit der Hauptstadt in Ajdir) und erst mit Hilfe der Franzosen, die das südlichere Marokkokontrollierten, und unter Einsatz von aus Deutschland geliefertem Giftgas siegten die Spanier.
Über die quirligen Hafenstädtchen El Jebha und Bni Bouzra erreichen wir schließlich Oued Laou, heute eine große Stadt, die sich ausdehnt und in das Flusstal hineinwächst. Auf dem Parkplatz an der Strandpromenade mit 5 Minuten Fußweg zur Markthalle dürfen Womos für 10 Dirham übernachten.

Chefchaouen
Wir fahren in das hübsche Oued Laou hinein nach Süden, bald steigt die Straße stark an, das Tal wird zur Schlucht. In Tarhzout ist der Pass erreicht, an der Straße parkt tatsächlich ein einheimischer VW T3 Bulli.
Ein Stück weiter steht neben einem kleinen Haus ein Backofen unter Hitze, auf dem Tisch davor hat die Bäckerin noch warme ganz frisch gebackene große Rundbrote im Angebot. Genau das Richtige für uns jetzt - das Brot schmeckt hervorragend.
Die sehr gut ausgebaute Regionalstraße 406 passiert nun noch einige Dörfer und den Stausee von Talembote, bevor sie bei Dar Akoubaa auf die N 2 von Tetuan nach Al Hoceima trifft.
Einige Kilometer weiter geht es steil hinauf in die blaue Stadt Chefchaouen, wo wir uns zunächst einen Platz auf dem noch oberhalb der Stadt gelegenen Camping Azilan suchen. Wir bleiben zwei Tage, es empfielt sich, nicht zu spät am Tage anzukommen, der Platz füllt sich ab Nachmittag und geführte Womo Reisekolonnen haben oft vorbestellt und füllen den Platz gegen Abend.
Am nächsten Morgen starten wir zu Fuß zur Stadtbesichtigung, erst mal die anstrengende Treppe mit den flachen Quadratmeterstufen durch den Friedhof hinunter bis zum Tor der Altstadt. Dort schlendern wir einige Stunden durch die immer voller werdenden Gassen und lassen die
Athmosphäre auf uns wirken. Ein paar Einkäufe sind nicht zu vermeiden, auch die Besichtigung der alten Burg, der Kasbah (Eintritt 80 DH pro Person) muss sein, allein schon wegen des Rundblicks vom Turm. Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst (mexikanische Künstlerinnen gestalten Regenschirme) und viele Infotafeln zur Geschichte der Stadt und der Region wollen besichtigt werden.
Allerdings findet sich kein Wort oder Bild zu Abd el Krim, dem legendären Emir des Rif und Anführer des Freiheitskampfes der Kabylen, dessen letzte Hauptstadt und Rückzugsort Chefchaouen war. Er wollte Zeit Lebens mit der Marokko regierenden Alawiden-Dynastie nichts zu tun haben und wird dafür nun totgeschwiegen. Auch so kann man Geschichte durch Weglassen verfälschen.
Nach einem sehr guten Essen auf der Dachterrasse des Restos Casa Aladin mit Blick auf die Burg nehmen wir vom nahen Parador Parkplatz ein Taxi zurück zum Camping für 20 DH.

Meknes
Die Hauptstraße verläßt nun das Rifgebirge und der Weg nach Süden führt durch flaches Land mit Landwirtschaft, Olivenplantagen und Viehzucht. Vorbei an Volubilis und Moulay Idris erreichen wir Meknes, neben Fès, Marrakesch und Rabat eine der vier historischen marokkanischen Königsstädte.
Wir besuchen die Medina mit einem Stadtführer, der uns das Leben in den engen Gassen und hinter den dicken Mauern erklärt, unsere Blicke auf viele unauffällige Besonderheiten lenkt und bei einigen Handwerkern vorbeischaut, die wir bei der Arbeit fotografieren können.

Atlantikstrand
Ein Stück Autobahn bringt uns schnell Richtung Rabat, der Abzweig nach Kenitra führt dann schnurgerade durch mehrere einsame Waldgebiete, wo wir einer hier lebenden Landschildkröte bei der gefährlichen Straßenüberquerung helfen können.
Durch den Naturpark Sidi Boughaba erreichen wir im Vorort Mehdiya den Camping Kenz International in Strandnähe und können unseren ersten Sonnenuntergang im großen Atlantik bewundern.
Die Strandpromenade wird gerade aus dem Winterschlaf geholt, riesige Sandverwehungen müssen geräumt und Treppen zum Strand freigelegt werden.
Ein ambulanter Teeverkäufer ist unterwegs und bereitet uns einen Pfefferminz - Blumen - KräuterTee zu, der uns wärmt und gut bekommt.

Der Sultan
Abends bekommen wir einen neuen Platznachbarn. Ein blaugrauer Mercedes Hymer Venture S fährt auf (kostet neu ca 250.000 Euro), am Steuer ein kleiner weißbärtiger Mann mit Strohhut, Sonnenbrille und braunem Teint, begleitet von einem Mercedes 500, darin ein langer dünner Mittvierziger und drei Frauen. Offensichtlich und laut KFZ Kennzeichen sind alle Marokkaner.
Im Laufschritt errichten die Begleiter das Camp: Stühle, Tische, vier Kugelzelte, Grill, nur Stromanschluss und Spannungsrichter machen Probleme.
Der Alte in kurzer Hose, Sneakers und weißen Socken, einen Gehstock in der Hand beaufsichtigt den Aufbau. Dann wird die Heckklappe des Venture geöffnet, das Sunset Deck ausgeklappt und unser neuer Nachbar, jetzt in grauer Pluderhose, sitzt bald da drauf in einem flachen Stuhl, ein großer Vogelkäfig steht vor ihm, und er beobachtet halbliegend den Ziervogel und das Treiben am Platz.
„Der Sultan“ - ist da und lässt sich von seinen Leuten bedienen, abends fahren alle zum Essen in die Stadt. Welch ein protziger Reichtum!


Moulay Bousselham

Unser nächstes Ziel ist die Lagune von Moulay Boussleham, sehenswert, aber seit Jahren ohneCampingplatz. Die Einfahrt in die Stadt ist nicht besonders einladend, viel Müll liegt herum und am Parkplatz hoch über dem Strand sehen wir zwei Jugendlichen zu, wie sie auf der Mauer sitzend etwas essen und trinken und dann gedankenlos Plastiktüten, Verpackungen und Getränkedosen hinter die Mauer fallen lassen. Der mürrische Parkwächter fordert dierekt nach dem Anhalten vehement die Parkgebühr ein und vertreibt uns damit sofort.
Beim Ausfahren sehen wir dann doch noch ein Hinweisschild auf einen Camping. Ok, schauen wir mal. Wir verheddern uns in den Gassen, fahren rückwärts und direkt auf eine Gruppe deutscher Touristen zu, die wir schon aus Mehdiya kennen. Sie beschreiben uns den Platz La Casa Latifaan der Lagune, wo sie Ihre Womos aufgestellt haben und dieser Platz ist goldrichtig!
Wir stehen direkt am Ufer, beobachten die Gezeiten, Vögel und Kühe, haben ein kleines Resto vor der Nase und können die neuen sanitären Anlage im Haus nutzen.
Der Spaziergang zum Brot Kaufen ist zwar etwas länger, aber wir haben ja Zeit und lernen so die Bautätigkeit in der Wohnumgebung kennen.
Der Plan unserer drei deutschen Paare, eine Bootstour auf der Lagune zu machen, scheitert leider am nächsten Vormittag.
Pünktlich um 10 Uhr stehen sie passend ausgerüstet mit Handy, Strohhut, Sonnenschutz und Fernglas am Anleger, aber das Boot kommt nicht - Motorprobleme. Es wird hin und her diskutiert und telefoniert, ab 10.15 werden die Deutschen unruhig, um 10.30 brechen sie ab und verzichten, fahren dann auch bald weiter.
Sie sind noch nicht wirklich in Afrika angekommen.

Larache
Larache lockt mit seinem Einkaufszentrum Marjane, leider finden wir den gesuchten Brotaufstrich Amlou (Mandelmus mit Arganöl) nicht, es ist nur Amlou mit Mandelöl vorhanden - schmeckt auch gut. Ist eben nicht die Jahreszeit für Arganöl. Wir werden von Olivenbergen verschiedener Geschmacksrichtungen verführt und kaufen mehr als wir essen können. An Keksen und Konditorspezialitäten kommen wir auch nicht vorbei ohne uns etwas einpacken zu lassen.
Wir durchqueren die schöne Stadt und erreichen den Fluss Loukous, auf einem Hügel amUfer bauten die Römer die Stadt Lixus, deren Ruinen zu besichtigen sind. Auf dem riesigen Strandparkplatz nördlich der Flussmündung genießen wir den Sonnenuntergang und verbringen den Abend und die Nacht mit einer Unzahl streunender Hunde. Morgens finden wir am Fluss einen schönen sonnigen Frühstücksplatz mit Blick auf ausfahrende Schiffe und die Stadt Larache gegenüber.
Kurz nach Abfahrt retten wir dann auch hier noch eine Schildkröte von der Straße.

Steinkreis von M’zora
Stonehenge in Marokko? Auf dem Weg nach Asila machen wir einen Abstecher von wenigen Kilometern zu dem Steinkreis von M‘sora. Das Gelände ist mit einem Zaun eingefasst, ein neues noch leeres Infogebäude steht neben dem Eingang, ein junger Mann erscheint und schließt das Tor imZaun auf, nicht ohne vorher 100 DH Eintrittsgeld zu kassieren, ohne Quittung versteht sich.
Mitten im kleinen Dorf ragen mehrere Menhire aus dem Boden, beim genaueren Hinsehen entdecken wir, dass es sich um die Reste eines ehemals vollständigen Steinkreises von ca 60 Metern Durchmesser handelt. Viele Säulen sind zerstört, durchgebrochen und umgefallen, Sandhügel befinden sich inmitten der Runde, weitere Steinsetzungen sind erkennbar. Dazwischen leben: Schildkröten! Die menschlichen Aktivitäten haben aber auch zu mehreren herumliegenden großen Steinhaufen geführt, die erahnen lassen, dass hier früher noch mehr zu sehen war, aber was wird wohl von unseren architektonischen Machwerken in 5000 Jahren zu finden sein?

Asilah

In der kleinen Stadt verbringen wir wie so oft die letzten Tage vor der Rückreise. Alles ist wie immer, man kennt uns, der Platz ist zwar voll, aber eine Lücke für uns findet sich trotzdem. Der Bulli ist zwar innen klein, aber eben auch außen. Abschied von Marokko beim Sonnenuntergang auf der kleinen Aussichtsmole in der Mauer der Medina.

Ceuta und die Petersilieninsel
Zur Vervollständigung unserer Besuche bei den spanischen Gebieten verlassen wir Marokko über Ceuta. Die Anreise über die Berge des Rifs zwischen Tanger Med und Fnidiq hat es in sich, wir fahren durch die Wolken! Sicht zeitweise nur 5 Meter bei steilem Gefälle. Vor der Grenze dann Stauund stundenlange Wartezeit, die Abfertigung wird sehr genau genommen, wir müssen aber nicht soviel auspacken wie andere vor uns.
Ceuta ist der bekannteste und größte Ort der spanischen Territorien an Marokkos Nordküste. Die heute wie Melilla autonome Stadt im spanischen Königreich liegt an der Meerenge Straße von Gibraltar. Seit historischen Zeiten ist Ceuta ein Knotenpunkt des Verkehrs über diese Meerenge.
Das Territorium, dessen Grenzen 1860 festgelegt wurden umfasst 18,5 km² und beherbergt rund 90.000 Einwohner. Die Landgrenze ist seit 1993/2005 durch einen 6 Meter hohen Grenzzaun abge￾sichert, es gibt nur zwei Grenzübergänge, einen für marokkanische Fußgänger bei Benzu im Nordenund den Übergang für Fahrzeuge im Süden bei Tarafal.
Das Gebiet ist eine Halbinsel mit dem Berg Monte Hacho im Osten, einer flachen Landverbindung mit dem wichtigen Hafen an der Nordküste und einem Festlandteil des Rifgebirges im Westen.
Bereits 1415 von Portugal erobert, fiel Ceuta 1580 zusammen mit Portugal an die spanische Krone, bei der Trennung der beiden Staaten 1668 blieb Ceuta spanisches Gebiet und ermöglichte damit den Spaniern diese Meerenge dauerhaft zu beherrschen.
Durch seine Historie und Gegenwart ist Ceuta ein interessantes Reiseziel und als Zollfreihafen auch für günstige Einkäufe beliebt.Wer über Ceuta nach Marokko einreist, muss allerdings bedenken, dass die Zollformalitäten an der Grenze mehr Zeit in Anspruch nehmen könnten als bei der direkten Einreise in Tanger Stadt oder im Hafen von Tanger Med.
Wir fahren von der Grenze zum Einkaufen, lösen im Hafengebäude ein Ticket für 130 € für die Reise nach Algeciras und sind nach wolkiger Überfahrt am frühen Abend auf dem Womoparkplatz in Los Barrios nahe Carlos und der AB Abfahrt 1113.

Die winzige unbewohnte Insel Perejil (Petersilieninsel) liegt 8 Kilometer westlich der Grenze Ceutas, nur 200 Meter vor der marokkanischen Küste bei dem Berg Djebel Musa. Sie ist ein 400 mal 400 Meter großer, 74 Meter hoher flacher mit Gras und Petersilie (?) bewachsener Felsen, und wird von Spanien als Teil Ceutas angesehen. Marokko nennt die Insel Laila und erkennt den spanischen Anspruch nicht an.

PS: Der Krieg um die Petersilieninsel
Im Jahre 2002 führte der wechselseitige Anspruch auf die Insel zu einer kurzzeitigen militärischen Auseinandersetzung zwischen Marokko und Spanien.
Am 10. Juli betraten sechs marokkanische Soldaten die unbewohnte Insel und hissten die marokkanische Flagge, angeblich ging es darum, illegale Einwanderungen und Schmuggel besser zu kontrollieren.
Spanien sah hierin eine Änderung des bisherigen Status Quo, der daraus bestand, dass weder Spanien noch Marokko diese Insel offiziell in Besitz nehmen. Auch fürchtete man in Madrid bei Stillhalten weitere marokkanische Aktionen gegen Ceuta, Melilla oder die Souveränitätsgebiete zu riskieren. Also „eroberte“ am 17. Juli 2002 nach großem militärischen Aufmarsch eine kleine Gruppe spanischer Soldaten die Insel zurück, nahm die Marokkaner fest und überstellte sie ins Heimatland.
Es wurde nicht geschossen, niemand wurde verletzt und seither ist alles wie es vorher war.

Natürlich kann auch der Tourist nicht auf die Petersilieninsel.

Man sieht sie nur beim Vorbeifahren mit dem Fährschiff von Tanger Med nach Algeciras,
aber nur, wenn man ganz genau hinsieht.
allzeit Gute Fahrt
wünscht euch HPH
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Cheldon
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Registriert: So 12. Feb 2012, 15:34
Wohnort: Münsterland

Re: Marokko 2026 | Im Bulli ins Rifgebirge und zu den spanischen Besitzungen

Beitrag von Cheldon »

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Danke für deinen interessanten Reisebericht. Ceuta und Nador und von dort einen Blick auf die spanischen Inseln haben wir 2017 erlebt. Auch den dichten Nebel im Rif.
Mit freundlichen Grüßen
Rolf
Antworten