Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

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mikepiller
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Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von mikepiller »

Ganz Privat am Rande:

Jürgen,
Du stürzt mich in eine tiefe Krise!
Bisher konnte ich den Vorwurf "einseitiger" Emotionen noch nicht mal verarbeiten, und nun kommst Du mit " eingeschränkten" Emotionen.....

Puuuuuh!

Gibt es in dieser Wüste irgendwo einen Baum.....

suchende Grüße
Micha
Regula St.
Beiträge: 468
Registriert: Sa 10. Mai 2008, 18:00
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Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von Regula St. »

Hallo alle zusammen

ich habe Eure Diskussion sehr interessiert verfolgt und fühlte mich persönlich leicht betroffen, da ich auch zu jenen gehöre, die mehr lesen und weniger schreiben :wink:

Ich denke, dass eine Begriffsdefinition hilfreich wäre: Respekt bedeutet Rücksichtnahme (das Wort kommt vom lateinischen respectare = zurückschauen), Toleranz bedeutet Dulden, Erdulden (vom lateinischen tolerare = ertragen, aushalten).

Ein einfaches Beispiel, allerdings negativ: Wenn eine Frau in Shorts und Bikini-Oberteil eine Kirche besichtigt (auch in Deutschland und in der Schweiz!), ist das für mich respektlos. Ich kann das nicht tolerieren (und weise sie, wenn ich das sehe, darauf hin). Klar, das löst Diskussionen aus, aber wenn die lokalen, regionalen, nationalen Sitten und Gebräuche nicht ge-be-achtet (respektiert) werden, führt das zu Abwehrreflexen. Ein Gast (und das sind wir alle auf dieser Erde!) geht Verpflichtungen ein. Leider scheinen das sehr viele Menschen nicht (mehr) zu wissen...

Meine Tipp an Euch alle: Wehrt Euch, fordert Respekt vor dem Anderen, lehrt Respekt vor dem Unvertrauten. Dann erhält Ihr auch Toleranz von der anderen Seite.

Danke fürs Lesen

Regula
Manfred Franz
Beiträge: 2036
Registriert: So 11. Sep 2005, 17:55

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von Manfred Franz »

Vielleicht sollte man sich das hier mal als Basis nehmen.
Ist ähnlich übrigens in verschiedenen Foren erschienen. Dies hier nur als Beispiellink.
Jeanette
Beiträge: 144
Registriert: Mo 2. Jul 2007, 03:07

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von Jeanette »

Hallo,

mir fallen zu diesem Thema auch meine Diebstahlerlebnisse in Afrika und Deutschland ein.
Mir wurde letztes Jahr in Namibia mit einem „alten Trick“, bis auf Flugticket, Kreditkarte und ein paar Klamotten alles geklaut…
Hier in Deutschland wurde mir im Einkaufstrubel die Brieftasche aus dem Rucksack geklaut, oder mein Auto aufgebrochen und durchwühlt…
Ich war nur sauer, hegte „Hände-abhacken-Gedanken…
Sind vielleicht etwas krasse Beispiele, aber bestimmten menschlichen Verhaltensweisen gegenüber habe ich keine Toleranz, unabhängig von einem Land.
Ich kenne und erlebe in Deutschland und Afrika arme und bitterarme Menschen, die dennoch den Unterschied zwischen Mein und Dein achten.
Ich kann es irgendwie besser nachvollziehen wenn ich aus der Not heraus bestohlen werde…
Aber tolerieren…nein…ich lass mich doch nicht beklauen!!

Trotzdem kann ich den Dieb als Mensch respektieren…weil er eben Mensch ist und jeder Mensch an sich Respekt verdient, unabhängig seiner Verhaltensweisen. Ich denke das geschieht auf einer anderen Ebene.

Gruß Jeanette
:)
mikepiller
Beiträge: 952
Registriert: Sa 13. Mai 2006, 20:59
Wohnort: Berlin

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von mikepiller »

Hi,

Regula schreibt:
...aber wenn die lokalen, regionalen, nationalen Sitten und Gebräuche nicht ge-be-achtet (respektiert) werden, führt das zu Abwehrreflexen. Ein Gast (und das sind wir alle auf dieser Erde!) geht Verpflichtungen ein.
Wolfgang schreibt:
Daher habe ich seit je her Probleme, über den Auftritt anderer in fremden Ländern zu urteilen, zumal ich dort auch nur Gast/Fremder bin.
Das nenne ich diametrale Standpunkte, Stoff zum diskutieren, danke Regula für Deinen Mut, diese Kontra- Stellung zu beziehen. Sie trifft den Kern meiner Frage exakt!

Und diesen Satz von Wolfgang würde ich gerne noch hinzunehmen:

Toleranz ist nicht gefordert, wenn ein sich jemand ein Kotelett brät, sondern wenn Länder selbst was „dagegen tun“, bzw. wie reagieren wir selbst, wenn wir von Restriktionen betroffen sind? Man beleuchte mal viel gescholtene Einreise- und Einfuhrrestriktionen bestimmter Länder und die eigene Reaktion unter diesem Aspekt.
Mir fällt es etwas schwer, die manchmal restriktiven Veränderungen für den Individualtouristen im Kontext mit „Verhaltensschwächen“ des Touristen zu sehen. Ich frage mich, ob eine zutiefst sichere Demokratie, wie wir sie ja in vielen arabischen Staaten mit Massentourismus vorfinden
(schließlich wird die Demokratie dort von einem Militär massiv bewacht und zudem von einem Inlands- Geheimdienst gestützt, der in seiner personellen Besetzung vermutlich unsere Bundeswehr locker übertrift) nicht ganz andere Interessen verfolgt.
Etwa den verhaltensgestörten Touristen weiterhin in großer Zahl in Betonburgen- und somit vollständig überwacht- zu pflegen und zu schröpfen, NICHT um der Bevölkerung etwas Gutes zu tun sondern schlichtweg, um die eigene Tasche gezielt massiv zu füllen. Gerne auch zum Preis umfangreicher Verluste an eigener Kultur.
Der möglicherweise „ sanftere“ Tourist wird ausgesperrt, damit der wertvollere Tourist moralisch ungestraft seinen Zweck weiterhin erfüllt und nicht verängstigt fern bleibt. Allein unter diesem Aspekt ist Regulas Einwand schon mal des tiefen Nachdenkens wert.

Und wie frei nun die einheimische Bevölkerung angesichts oben nur angeschnittener Umstände ihre Kultur, Religion etc. bewahren kann gegenüber einem Tourismus mit all seinen eitrigen Pestbeulen, die ihm nicht selten weit sichtbar aus dem Gesicht tropfen...

Jürgen schreibt:
Klar "verachte" ich die Touristen, die in ihren Hotel-Ghettos den Urlaub verdösen, finde es aber besser, sie bleiben den Einheimischen (und mir!) fern. Aber daraus zu schliessen, dass ich dass einzig seeligmachende Rezept habe, wäre auch anmassend.
Bleiben sie den Einheimischen fern? Helfen Ghettos und bewaffnete Konvois, den Einfluss des Tourismus fernzuhalten, insbesondere auch fern von der Frage der Bevölkerung: Wo bleibt all das Geld, mit dem die Anmaßung, unserer Kultur mit Füßen zu treten, finanziert wird- ich kann kein Brot mehr kaufen?

Wo endet Toleranz, wo beginnt Verantwortung? Auch wenn sie niemals seelig machend sein wird...
( Danke für die Freigabe, Jürgen )

Jeanette schrieb:
Ich kann es irgendwie besser nachvollziehen wenn ich aus der Not heraus bestohlen werde…
Ich auch, Jeanette, und in Anbetracht nur der wenigen Punkte, die ich oben angeschnitten habe, stellt sich natürlich die Frage, ob gewisse Formen des Tourismus diesen Umstand der Not oder zumindest das Gefühl für eine ungerechte Not nicht massiv anheizen? Kann ich mich dem ruhigen Gewissens passiv entziehen?


Weiter seelig suchend
Gruß
Micha
liphpip
Beiträge: 482
Registriert: Fr 11. Nov 2005, 21:48

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von liphpip »

zitat micha:
"Wie geht ihr damit um? Stillschweigen? Soll doch jeder Egomane sein Ding durchziehen in der Fremde, egal, was er damit anrichtet.....ich mache halt meines?
Und was heißt meines? Sind wir besser? Immerhin reisen wir ja an Orte, die von touristischen Einflüssen oft weitgehend oder völlig unberührt sind.
Orte, an denen das kleinste, unbedachte Verhalten eine nachhaltig negative Wirkung haben kann."



ja meistens stillschweigen ausser es wird mir zu krass.

meist regelt es sich ja leider immer zu ungunsten aller von selbst wie z.b. "die platte" vor agadir.ein, und da wird sich das forum wohl geschlossen einig sein ,zum schluß grauen erregender ort.
in dakhla wird es bald ähnlich sein.
die womoburg am strand vorne und kurz vorm checkpoint werden wohl bald zu gunsten des leeren campingpaltzes abgeräumt.für mich schade denn ich habe immer gerne an der wasserkante direkt vor pats surf camp gestanden.

und in diesem fall: ja ich bin besser als "die" ich bleibe ein/zwei tage zum ausruhen nach der langen westsahara, und zum auffülen der vorräte ,denn dakhla hat einen ergiebigen souk.und dort kann man enspannt den surfern zuschauen und sich an der bar rum lümmeln und dann gehts weiter gen süden.
die womoflotte steht mitunter monate und läßt nicht viel da ausser müll.
und genau das ist den offiziellen ein dorn im auge.leider gehen wir mit drauf.

bei einigen dingen weiß ich das ich es besser mache ja.in vielen anderen situationen muß ich in diskusionen mit einheimischen feststellen das stört die überhaupt nicht,scheinbar?!

der große unterschied ist das ich fast immer alleine reise höchstens mal mit zwei fahrzeugen.die "anderen" treten fast immer in großen gruppen auf(dagegen sind die von mafra geführten touren kleine) ich bin auf "flotten" von 30 fahrzeugen gestoßen plus ja zwei personen.....da kommt nicht gegenan selbst wenn man es versuchen sollte hat man dann meist ne große front gegen sich.

so das dazu hier noch ne kleine geschichte

meski/marocco.ich komme schon sehr lange hierher weil ich in einem der händler,mohamed der kleine mit dem schwarzen turban;-),einen mittlerweile sehr guten freund gefunden habe.
zwei tage totale ruhe dann kommt ne deutsche gruppe mit 20 mobilen.
alles gut soweit ein gutes geschäft für die händler,wir flüchten in sehr langen spaziergängen.
abends nach erfolgreichen geschäften sitzen wir vorm laden und palavern mit mohamed.eine der "älteren damen" von der gruppe nebst gatten trabt heran.
frag gleich mal pauschal so auf deutsch wo ist denn die post?
mohammed sagt:kannst du mir geben is kein problem mach ich für dich.
sie sagt:das ist aber nett hassan.
er:ich bin nich hassan ich bin mohammed.
sie:achso hassan, mohammed ist doch egal.
ich:klar ingrid,renate,getrude hildegard ist doch egal was sind schon namen im hier und jetzt nicht war.
sie zog dann ab kein danke kein schönen abend nix.

meine tolleranz ist sehr groß.ich sage oft nix ausser es ist zu abartig.
aber ich denke immer es steht mir nicht zu darüber zu urteilen was richtig und was falsch ist.

gruß liphpip
Manfred Franz
Beiträge: 2036
Registriert: So 11. Sep 2005, 17:55

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von Manfred Franz »

dagegen sind die von mafra geführten touren kleine
... und genau darauf lege ich Wert!
Roger-Tecumseh
Beiträge: 2066
Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Salut,

obwohl wir uns durch die schon erfolgten Begriffs-Klärungsversuche dem Problemkreis bereits deutlich genähert haben, glaube ich, daß es da noch zusätzliche Aspekte gibt.
Dabei werden sich ergänzende soziologische, historische und philosophische Anklänge nicht vermeiden lassen. Trotz des aufreizend gewichtigen Themas, immer wieder ausbaufähig und doch dargeboten in verdaulicher homöophatischer Dosis. :lol:
Micha schildert im einleitenden Beitrag befremdliche ( :) )Verhaltensweisen sehr unterschiedlicher Bedeutsamkeit, die - wenn man es genau nimmt - nicht mehr unter einem Oberbegriff allein zusammengefaßt werden können. Einzig die Reaktion des "leidenden" Betrachters läßt sich - wie geschehen - im übersichtlichen Paar Toleranz - Respektieren simplifizieren; und schärfer: Ärgern oder Nichtärgern! Womit wir uns dicht an die noch elemantarere, sprichwörtliche, Problematik des monologisierenden Dänenprinzen herangearbeitet haben, den dabei (folgerichtig !) auch ein großes Schlafbedürfnis überfiel.

Mit dem Ruf nach Toleranz glauben wir gewöhnlich, einen wirklich positiven, demonstrativen Schritt in die Mitte der Verständigung getan zu haben, der Konfliktlösung entgegen. Das Gegenteil ist aber der Fall, da der Konflikt nur auf andere Ebenen verschoben wird! Wer etwas toleriert, muß dies keineswegs aus der Haltung des Respekts heraus tun und noch viel weniger aus der einer Akzeptanz. Beides würde zumindest Kenntnis voraussetzen, die aber nun gerade hier meist nicht vorhanden ist. Toleranz wird deshalb eigentlich immer da gefordert, wo es nichts zu tolerieren, sondern ausschließlich zu ertragen gibt. Zähneknirschend, oder auch gleichgültig, wenden wir uns vom Problem ab - hin zu erfreulicheren Gefühlen.

Man nehme mir einen kleinen (aber erhellenden) Blick nach rückwärts nicht gänzlich übel: Im Toleranzedikt von Nantes wurde der andersgläubigen Minderheit eingeschränkte Kultfreiheit, sogar PRIVATE Gewissensfreiheit (woran man erkennt, daß Gewissen zuzeiten nicht mal privat war, denn: "cuius regio eius religio") zugestanden. Rund dreißig Jahre später wurde diese Zusicherung dann plötzlich zur "Gnade" - sic! - (Gnadenedikt von Nîmes), ehe endlich einige Jahrzehnte später die Gnade ihr Ende fand, alle Zugeständnisse gewaltsam kassiert und die protestantischen Kirchen zerstört wurden.

Das Verhältnis von Besuchern und Besuchten (in den hier erörterten Ländern) ist unweigerlich von "Zugeständnissen", in deren Kern Mißverständisse und Unvereinbarkeiten stehen, geprägt. So wird es auch bleiben, da die sich berührenden Welten - trotz der vielbesprochenen Globalisierung - nicht austauschbar sind. Erschwerend kommt hinzu, daß unser eigenes, früher vertrautes, Sozialverhalten sich inzwischen immer diffuser darbietet. Wir produzieren also schon bei uns Verhalten, welches ein geschmeidiges (sensibles) Gleiten im Sozialgefüge zunehmend kompliziert. Allein der langerprobte Anpassungsfaktor verhindert dann gewöhnlich doch drohende Konflikte. (Anything goes ist eben eine Illusion, die nur zudeckelt, daß Unbewußtheit kein Derivat von Freiheit ist.)

Wir tragen nicht nur mit uns, was uns individuell kennzeichnet (manche würden angesichts der genannten Beispiele auch "brandmarkt" sagen), sondern auch das, was unsere Gesellschaft uns unter die Weste drückt: wir assimilieren und konformieren. Und wenn wir schon nicht bewußt "konformgehen", so wird uns dies doch - besonders in fremder Umgebung - stillschweigend zugemessen, unterstellt. Denn in einer fremden Gesellschaft repräsentieren wir die Gesellschaft, aus der wir kommen. Ein Dilemma, gegen welches Don Quichote zwar mutig anrennen kann; Blessuren und Knochenbrüche aber nicht vermeiden wird!

Aktuelles Beispiel: Festung Europa! Immigrantenjagende Militärmanöver im Mittelmeer, Abschiebecamps im Maghreb und nun als jüngster Schritt des EU-Parlaments gegen die Flüchtlinge des Hungers, der Not und oft genug der physischen Bedrohung - "Harmonisierung" der Abschieberegeln innerhalb der EU. Bis zu 18 Monaten Abschiebehaft werden dem unglücklichen Immigranten angedroht, gefolgt von einem möglicherweise fünfjährigen Verbot, den Boden eines der Gemeinschaftsländer zu betreten. Um diese grundsätzliche Verletzung des Menschenrechts auf Migration nicht ganz so deutlich werden zu lassen, wird der Bitterstoff mit "ausgewählter" Immigration, die dem sakrosankten Wachstum der EU dienen kann, versüßt. Wie nützlich muß also ein fremder Mensch heute sein, um ihm die legale Tür öffnen zu können? :cry:

Wenn Ali, Mammadou, Omar...mit diesem Thema den vertrauten Freund aus Europa höflich beim Tee oder Kuskus am Lagerfeuer verschonen, dann sollte der aber zumindest wissen, daß auch er Schlimmeres im (unsichtbaren) Gepäck trägt, als Kotelett-gefüllte Kühlschränke, die sich (nebst anderem sonderlichen Verhalten) so trefflich besprechen lassen ! :wink:


Gruß

Roger-T.
mikepiller
Beiträge: 952
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Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von mikepiller »

Hi

In meinem Schlafbedürfnis derartig gestört, beruhigt feststellend, immer noch kein Mädchen zu sein und dies zumindest bis zu meinem Tod auch vehement abstreitend, bin ich der Erfrischung im Dialog nicht abgeneigt.

Dabei möge man mir verzeihen, wenn ich weiterhin meine Thesen in homöopathischen Dosen an die Tür dieses Forums nagele- dem möglichen und teilweise folgerichtigen Vorwurf des Populismus gelassen ins Auge sehend.

Gleich zu Beginn von Rogers wie immer gestochen formulierten, sophistisch geprägten und mit dem verständnisvollen Lächeln eines alten, weisen Indianers untermalten Beitrages sticht mir folgender Satz ins Auge:
Dabei werden sich ergänzende soziologische, historische und philosophische Anklänge nicht vermeiden lassen.
Er veranlasst mich eine weitere Frage von neuer Bedeutsamkeit in den tiefen Bauch dieses körnigen Schiffes zu werfen. Sie lag mir von Anfang an auf der Zunge, weil sie- wie ich finde- unseren Umgang mit Toleranz vielleicht hier und da gewaltig in Frage stellt.

Immerhin tragen wir ein mörderisches, historisches Paket auf dem Rücken, welches zumindest die ältere Generation unter uns vielleicht mit einer gewissen Befangenheit mit dem Begriff Toleranz jonglieren lässt. So unangenehm der Deutsche auch und immer wieder in der Vergangenheit im Ausland- hier weniger als Tourist, auch wenn er immer wieder ging- aufgetreten ist, ganz zu schweigen von mörderischer, deutscher Intoleranz allein einem Glauben gegenüber- so gutmenschlich möchte zumindest der nachdenkliche Teil heutiger Deutscher im Ausland vielleicht auch Schuld abwaschen, welche uns von den Großeltern auferlegt wurde. An mir selbst beobachte ich durchaus ein äußerst leises Auftreten in der Fremde mit dem Wissen, auf welchem Komplex ein Teil davon beruht. Die logische Schlussfolgerung, dass auch darauf ein Teil meiner Wut basiert, die ich manchmal auf Reisen empfinde, ist mir nicht fremd.

Nicht zuletzt auch darauf beruhend und zuvor in meinen Beiträgen auch schon andeutend, finde ich den folgenden Abschnitt von Roger-
Mit dem Ruf nach Toleranz glauben wir gewöhnlich...
äußerst wert, darüber nach zu denken.

Dass der „ Clash der Kulturen“ ( Rückfall in den Populismus, mea culpa- Clash bitte mit Zusammenprall übersetzen) niemals ohne Schrammen verlaufen wird, ist klar.
Wie tief nun diese Schrammen verlaufen müssen, wie schnell sie heilen, ja ob sie sogar mit einer kindlichen Wein/ Lach- Metamorphose (war doch nicht so schlimm) zu überwinden sind, hängt nicht zuletzt davon ab- darauf weist Roger mit seinen abschließenden Worten wohl hin- was uns aufgedrückt wurde, was wir uns angezogen haben.

Die Frage für mich ist, wie viel kann ich davon noch und wieder abschütteln, NACHDEM ich begriffen habe, dass ich selbst keineswegs das Produkt meiner selbst bin.

Und bin ich berechtigt, auch mal jemand anders zumindest verbal zu schütteln- nicht in der Hoffnung, diesen zu läutern, das steht mir nicht zu und würde mir auch nicht gelingen.

Sondern um Mohamed beim Tee zu zeigen, dass wir nicht NUR Vertreter der Gesellschaft sind, aus der wir kommen, sondern auch denkende, nachdenkliche Individuen- genau wie er, und das habe ich auf all meinen Reisen INSBESONDERE bei den Mohameds erfahren: Sie denken in der Masse oft tiefer als wir, oft wissen sie, was sie im eigenen Gepäck haben- das schmeiße ich einfach mal so als Meinung in den Raum.

Aber ich habe so eine Ahnung, Roger würde mir sinngemäß darauf antworten:
"Don, es dient nur Deiner seelischen Onanie nach dem Blick in den Spiegel angesichts Deiner Blessuren."

Weiser Indianer, es war wieder schön, Deinen Text zu lesen, in einigen Jahren werde ich hoffentlich einen winzigen Teil Deiner Gelassenheit und Weisheit in mir tragen.

Bis dahin macht es mich ( die Intoleranz und Respektlosigkeit vieler Reisender) jedoch immer wieder etwas sauer!

Und mein Kotelett: Nehmt es als Metapher für das häufige , auf tiefer Intoleranz beruhende Kolonialverhalten vieler Reisender. Sie scheinen zu wissen: Schweinisch sollte es in einem islamischen Land schon sein!

Schläfriger Gruß
Micha
Alexander
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Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von Alexander »

Animiert durch Kunos Flughafenerlebnis, möchte ich meine Erfahrung, die den Toleranzlevel auf der nicht nach oben offenen Akzeptanzskala mehrfach den roten Bereich erreichte, der Diskussionsrunde nicht vorenthalten.

Mein Arbeitgeber hatte beschlossen, mich für zwei Wochen nach Südafrika zu schicken. Als Freund des Schwarzen Kontinents konnte ich es also kaum abwarten, das alte Europa hinter mir zu lassen. ;-).

Von Düsseldorf ausgehend hatte ich einen Flug, der mich über Paris/Charles de Gaulle nach Johannisburg führen sollte. Beim Einchecken in Düsseldorf wies man mich mit aller Vehements daraufhin, in Paris beim Transferschalter vorstellig zu werden. Da ich mich einen vorbildlichen Fluggast nenne, machte ich mich unverzüglich auf den Weg an den Schalter der Fluggesellschaft, wo mir unverholen und ohne Bedauern mitgeteilt wurde, dass der Anschlussflug wegen eines technischen Defekts ausfallen würde. Die Ersatzmaschine würde am nächsten Morgen zur Verfügung stehen. Ich könne aber in einem nahegelegenen Hotel übernachten und die Rechnung einschließlich Abendessen würde die Fluggesellschaft übernehmen. Mein Gepäck war nicht verfügbar, bekam aber ein Emergency Kit, dass alles Notwendige beinhaltete. Soweit gestaltete sich dies im tolerierbaren Rahmen, hätte mir nicht zwischenzeitlich ein Vögelchen gezwitschert, dass nicht der Defekt des Fluggeräts, sondern die mangelnde Auslastung des Fliegers die eigentliche Ursache des ausfallenden Fluges war.

Nun gut, ich bin ein gutmütiger Mensch und ein vorbildlicher Fluggast. So machte ich mich tags drauf wieder auf den Weg zum Flughafen und genoss den Flug über den afrikanischen Kontinent - bis zur Ankunft. :mrgreen:

An der Gepäckausgabe angekommen, spieh das Gepäckkarusell schon die ersten Gepäckstücke aus.
Ich wartete und wartete, aber mein Koffer kam nicht. Auch der Koffer einer englischen Lady schien das Schicksal meines Gepäcks zu teilen.

Wir begaben uns zur „Investigation“, wo uns mitgeteilt wurde, dass der Koffer leider noch in Paris steht.  Wann wir mit dem Gepäck rechnen könnten, war meine nächste Frage. Morgen, mit dem nächsten Flieger würde das Gepäck ankommen. Soweit ich mich allerdings noch erinnern konnte, stand kein Flug dieser Gesellschaft aus Paris nach Johannesburg auf dem Plan.
Die englische Lady, oder vielleicht sah sie nur äußerlich so aus, begann nun im oberen Dezibelbereich, nahe an der Schmerzschwelle, akustisch die kleine Angestellte zu bearbeiten, nein, anzuschreien, was ihr einfällt und was das für ein scheiß Service sei und überhaupt wolle sie ihr Gepäck jetzt haben. Aber das Gepäck steht doch noch in Paris, war die kleinlaute Antwort. Dies war offensichtlich die falsche Antwort, da die Stimme sich nun um einige weitere Dezibels anhob, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, das gute Köfferchen jetzt unverzüglich herauszurücken. Da ich immer mehr Mitleid mit der armen Angestellten hatte, warf ich in gutem Englisch der Lady entgegen, dass mit ansteigendem Lärmpegel die Chancen auf den Koffer nicht direktproportional steigen würden. Ich hätte besser meinen vorlauten Mund halten sollen, denn nun schien die alte englische Lady förmlich zu kollabieren. Obwohl meines guten Verständnis für die englische Sprache, konnte ich aus dem hysterischen Gefuchtel und Geschrei keinen verständlichen Vokabel mehr vernehmen.

Muss man dieses Verhalten tolerieren bzw. muss die Angestelle, welche zwar Repräsentantin der Fluggesellschaft ist, aber für die verzögerte Ankunft des Gepäckstückes doch nichts dafür kann, dies tolerieren?

Nun gut, ich vertraute der Fluggesellschaft, dass sich das Gepäck, wie versprochen, am nächsten Tage in meinem Hotel einfinden würde. Als dies nicht der Fall war, erkundigte ich mich weiter nach meinem Gepäck. Schließlich kam mein Koffer mit dem sehnlichst erwarteten Waschzeug und neuer Kleidung an – nach fünf Tagen!!!!! Ich hatte schon begonnen, im Hotel auf meinem Zimmerchen Socken zu waschen und hatte mir schon neue Hemden gekauft. Muss ich das akzeptieren, besonders dann, wenn der vorbildliche Fluggast nach Strich und Faden angelogen wird?

Etwas Milderung verschaffte mir der Gedanke an die alte, hysterische, englische Lady. Wie mag sie wohl reagiert haben, als sie ihr Gepäck erst nach dem fünften Tage erhalten hat? :D

Viele Grüsse
Alexander
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marcush
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Registriert: Do 26. Jul 2007, 17:09

Re: Toleranz...Wieviel Kotelett darf ich mitnehmen auf die Reise

Beitrag von marcush »

Alexander hat geschrieben: Etwas Milderung verschaffte mir der Gedanke an die alte, hysterische, englische Lady. Wie mag sie wohl reagiert haben, als sie ihr Gepäck erst nach dem fünften Tage erhalten hat? :D
Sie hat ihren Koffer sicher schon am nächsten Tag erhalten, getreu der Lebensweisheit meines bäuerlichen Freundes: "Die Kuh, die am lautesten brüllt, kriegt das Futter immer zuerst."

Marcus
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