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Bald nur noch Failed States

Verfasst: So 7. Dez 2014, 12:49
von majasch
ein Artikel von Arnold Hottinger der mich traurig und nachdenklich macht
http://www.journal21.ch/bald-nur-noch-failed-states
grüsse aus der nebligen schweiz maja

Re: Bald nur noch Failed States

Verfasst: So 7. Dez 2014, 13:43
von Alexander
Hallo Maja,

ein komplexer und sehr interessanter Beitrag, den du gefunden hast. Er läßt praktisch kein Thema aus und spricht auch das Phänomen Selbstmordattentäter an, für das ich mich persönlich interessiere.

Die letzte Frage, ob "Failed States" reparierbar seien bleibt unbeantwortet und kann wohl so aus der Hüfte keiner Beantworten. Mir ist kein Beispiel bekannt, in dem ein "Failed State" wieder vollkommen zur Normalität zurückkehren konnte.

Sind missratene Staaten reparierbar?

Wie der Abstieg von Staaten zu missratenen Staaten aufgehalten werden kann, oder wie missratene Staaten wieder zu funktionierenden Staaten aufgebaut werden könnten, ist ein komplexes Thema. Es ist weitgehend spekulativer Natur, weil wir über wenig Erfahrung darüber verfügen, wie eine solche Umkehr erreicht werden kann. Bisher kennen wir nur Beispiele des Abstiegs, kaum solche des erfolgreichen Wiederaufbaus von Failed States. Aus diesem Grunde soll die Frage, ob und wie missratene Staaten im Nahen Osten wieder zu funktionierenden Gebilden werden können, Gegenstand einer gesonderten Betrachtung werden.

Aus meiner egoistischen Sicht sehe ich das zusätzlich auch als Einschränkung meiner/unserer Reisemöglichkeiten. Je mehr Failed States, umso weniger Reisen werden in unsere bevorzugten Reisegebiete möglich. Interessant ist auch, dass diese Failed States derzeit fast ausschließlich im islamischen Bereich zu suchen sind.

Grüsse
Alexander

Re: Bald nur noch Failed States

Verfasst: So 7. Dez 2014, 14:57
von PeterM
Vor dem (bislang gescheiterten) nation building wird wohl etwas wie ein "society building" erfoderilch sein: Das Identifizieren und Fördern einer Bevölkerung, die hinter Strukturen steht. Könnte in Somaliland/Puntland klappen, wenn das sture Festhalten an alten (Kolonial-)Grenzen aufhört, die waren oft vom Grundsatz divide et impera geprägt.. an die Adresse der AU und der Weltmächte gerichtet - und nicht mal in Europa kann man vernünftig darüber reden, obwohl wir über den Regionen einen gemeinsamen Schirm hätten

Grüsse
Peter

Re: Bald nur noch Failed States

Verfasst: So 7. Dez 2014, 15:20
von Ralf Kiefer
Alexander hat geschrieben: ein komplexer und sehr interessanter Beitrag, den du gefunden hast. Er läßt praktisch kein Thema aus und spricht auch das Phänomen Selbstmordattentäter an, für das ich mich persönlich interessiere.
Naja, dieser Text beschränkt sich nahezu auf den Nahen Osten und den Maghreb zzgl. Somalia. Alleine schon der nahe Sudan und seine Vorgeschichte bis zur Spaltung bleiben unerwähnt. Die Richtung könnte man beibehalten und die jüngere Geschichte des Tschad oder von Mali betrachten.
Alexander hat geschrieben: Aus meiner egoistischen Sicht sehe ich das zusätzlich auch als Einschränkung meiner/unserer Reisemöglichkeiten. Je mehr Failed States, umso weniger Reisen werden in unsere bevorzugten Reisegebiete möglich. Interessant ist auch, dass diese Failed States derzeit fast ausschließlich im islamischen Bereich zu suchen sind.
Das Thema Reisen ist natürlich das primäre hier. Und es macht traurig. Aber daß es sich bei den Failed States fast ausschließlich um islamisch geprägte handelt, bezweifle ich etwas. Die stehen momentan "nur" im Mittelpunkt der europäischen Betrachtung. Andere derzeit weniger, wie der Tschad (große christliche Minderheit), Angola, Ruanda, Westsahara, außerhalb von Afrika die Ukraine. Als aussichtsreichen Kandidat zum Failed State sehe ich Israel, vielleicht sogar Mexiko.

Diverse Länder haben ihre Entwicklung zum Failed State oder zumindestens in diese Richtung hinter sich gelassen: Angola ist da recht weit, dann fallen mir Kolumbien und El Salvador ein. Peru sammelte in den 1980er Jahren ebenso ein paar Erfahrungen.

Interessant ist, daß sich ganze Passagen des Hottinger-Textes alleine durch Austausch einzelner Worte und Begriffe auf Mitteleuropa anwenden lassen. Tyrann oder Diktator ersetzt man durch die jeweiligen alternativlosen, machthabenden Parteien, die Religion durch die Wirtschaftsvertreter und -lobbyisten, das Militär durch Polizei und Geheimdienste.
Wie kommt es zu misslungenen Staaten? Der Zusammenbruch erfolgt meistens in zwei Stufen. Eine erste ist durch den Verlust der Legitimität der regierenden Macht oder der Mächte gegeben. Das heisst Verlust der Zustimmung der Regierten zu den Regierenden. Diese erste Stufe, der Legitimitätsverlust, führt noch nicht unmittelbar zum Zusammenbruch.

Das und die Schlüsse daraus lassen sich derzeit nicht nur auf Griechenland, Spanien oder Frankreich anwenden, sondern auch auf Deutschland.

D.h. ich sehe es mitnichten als zweifelhaftes Privileg der islamisch geprägten Staaten ein Failed State zu sein oder werden. Zumal die Definition dieses Begriffs sowie des jeweiligen Staats eine europäische oder in den vergangenen Jahrzehnten eine US-amerikanische war. Z.B. die Grenzen des von uns als Staat bezeichneten Irak sind nicht mal 100 Jahre alt und von Europäern gezogen. Das nicht existente Kurdistan war eine der Folgen.

Gruß, Ralf

Re: Bald nur noch Failed States

Verfasst: So 7. Dez 2014, 15:56
von Guido3
Hallo,

bei der Zeit gibt es heute einen Artikel mit ähnlichem Tenor vom Chef des US-Büros von Al-Arabya:
«Die arabische Zivilisation ist zusammengebrochen. Zu meinen Lebzeiten wird sie nicht mehr auf die Beine kommen.»
http://www.zeit.de/2014/48/arabien-gese ... ammenbruch

Beste Grüße

Guido

Mo, 8.12., Vortrag in Karlsruhe

Verfasst: So 7. Dez 2014, 23:27
von Ralf Kiefer
Nicht nur Failed States :-)

Ich sehe gerade, daß am Montag Abend im Jubez in Karlsruhe ein interessanter Vortrag zu genau diesem Thema, aber aus anderem Blickwinkel stattfindet:
"Welche Zukunft für Kobane / Rojava -
„Gottesstaat“, türkische Besatzung oder Selbstverwaltung?
Seit drei Jahren entsteht in den überwiegend kurdischen Gebieten Nordsyriens - „Rojava“ genannt - ein politisches System demokratischer Selbstverwaltung. [...]"

Gruß, Ralf