Alexander hat geschrieben:
ein komplexer und sehr interessanter Beitrag, den du gefunden hast. Er läßt praktisch kein Thema aus und spricht auch das Phänomen Selbstmordattentäter an, für das ich mich persönlich interessiere.
Naja, dieser Text beschränkt sich nahezu auf den Nahen Osten und den Maghreb zzgl. Somalia. Alleine schon der nahe Sudan und seine Vorgeschichte bis zur Spaltung bleiben unerwähnt. Die Richtung könnte man beibehalten und die jüngere Geschichte des Tschad oder von Mali betrachten.
Alexander hat geschrieben:
Aus meiner egoistischen Sicht sehe ich das zusätzlich auch als Einschränkung meiner/unserer Reisemöglichkeiten. Je mehr Failed States, umso weniger Reisen werden in unsere bevorzugten Reisegebiete möglich. Interessant ist auch, dass diese Failed States derzeit fast ausschließlich im islamischen Bereich zu suchen sind.
Das Thema Reisen ist natürlich das primäre hier. Und es macht traurig. Aber daß es sich bei den Failed States fast ausschließlich um islamisch geprägte handelt, bezweifle ich etwas. Die stehen momentan "nur" im Mittelpunkt der europäischen Betrachtung. Andere derzeit weniger, wie der Tschad (große christliche Minderheit), Angola, Ruanda, Westsahara, außerhalb von Afrika die Ukraine. Als aussichtsreichen Kandidat zum Failed State sehe ich Israel, vielleicht sogar Mexiko.
Diverse Länder haben ihre Entwicklung zum Failed State oder zumindestens in diese Richtung hinter sich gelassen: Angola ist da recht weit, dann fallen mir Kolumbien und El Salvador ein. Peru sammelte in den 1980er Jahren ebenso ein paar Erfahrungen.
Interessant ist, daß sich ganze Passagen des Hottinger-Textes alleine durch Austausch einzelner Worte und Begriffe auf Mitteleuropa anwenden lassen. Tyrann oder Diktator ersetzt man durch die jeweiligen alternativlosen, machthabenden Parteien, die Religion durch die Wirtschaftsvertreter und -lobbyisten, das Militär durch Polizei und Geheimdienste.
Wie kommt es zu misslungenen Staaten? Der Zusammenbruch erfolgt meistens in zwei Stufen. Eine erste ist durch den Verlust der Legitimität der regierenden Macht oder der Mächte gegeben. Das heisst Verlust der Zustimmung der Regierten zu den Regierenden. Diese erste Stufe, der Legitimitätsverlust, führt noch nicht unmittelbar zum Zusammenbruch.
Das und die Schlüsse daraus lassen sich derzeit nicht nur auf Griechenland, Spanien oder Frankreich anwenden, sondern auch auf Deutschland.
D.h. ich sehe es mitnichten als zweifelhaftes Privileg der islamisch geprägten Staaten ein Failed State zu sein oder werden. Zumal die Definition dieses Begriffs sowie des jeweiligen Staats eine europäische oder in den vergangenen Jahrzehnten eine US-amerikanische war. Z.B. die Grenzen des von uns als Staat bezeichneten Irak sind nicht mal 100 Jahre alt und von Europäern gezogen. Das nicht existente Kurdistan war eine der Folgen.
Gruß, Ralf