Libanon als nächster Krisenherd?

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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Der Libanon bleibt weiter auf Talfahrt - oder soll ich schon sagen: auf Tauchfahrt?

Die libanesische Währung, rund drei Jahrzehnte zum (künstlich) festgelegten Wechselkurs von 1 USD = 1.500 Libanesische Lira oder auch Libanesisches Pfund gehandelt, hat am Wochenende die Umtauschrate von 1 USD = 15.000 Libanesische Lira erreicht. Und leider ist das kein Druckfehler (inzwischen hat sie sich zum Glück bei etwa 11.000 vorerst beruhigt).

Diese Reportage von Daniel Böhm ist ein Glücksfall für einen sensiblen Journalismus. Ich reise seit 37 Jahren in den Libanon, seit knapp acht Jahren wohne ich jetzt hier. Und es ist das erste Mal, dass ich so pessimistisch bin wie der Film. Vor Jahrzehnten hat der ARD-Korrespondent Walter Helfer (es war 1987) schon einmal eine Reportage gemacht mit dem Titel "Adieu Beirut - Abschied von der Levante". Aber er kam eben wieder, nach dem Ende des Bürgerkrieges: "Die Stadt mit sieben Leben - Wiedersehen mit Beirut" hieß sein Film in der N3-Reihe "International" 1991. Ob wir in vier Jahren wiederkehren werden nach Beirut, mit der Hoffnung, dass der einst so quirligen und jetzt so düsteren Metropole in der Levante ein achtes Leben beschieden sein könnte?

Die letzten Tage von Beirut
(3SAT, 20. März 2021)
Beirut war mal ein Versprechen. Eine multikonfessionelle Stadt am Rand des Orients, offen zur Welt. Ein Fluchtpunkt für Dichter und Denker, Spione und Lebenskünstler. Jetzt erlebt Beirut den Untergang. Eine Liebeserklärung an eine Stadt, deren Lichter langsam ausgehen.
Etwas melancholische Grüße
Achim
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Libanon | Das Erbe des ermordeten Lokman Slim

Beitrag von Birgitt »

Achim Vogt hat geschrieben:
Sa 6. Feb 2021, 23:29
Am Freitag war ich gemeinsam mit Ali Abu Dehn wieder in der Dahiyeh, im Familiensitz von Lokman Slim und Monika Borgmann. Es galt Abschied zu nehmen von Lokman Slim, einem der brillantesten politischen Analytiker des Libanon, der längst ein guter Freund geworden war, mit dem ich über die Jahre so viele bereichernde Abende mit wunderbaren Diskussionen verbracht habe. Lokman Slim war am 3. Februar zu Besuch bei einem Freund in dem Dorf Niha im Süden des Landes, bei Nabatiyeh, einer weiteren Hochburg der Hizbullah. Gegen 20.30 Uhr verließ er das Haus seines Freundes, um zurück nach Beirut zu fahren. Sein Handy wurde 400 Meter entfernt gefunden. Er selbst 35 Kilometer entfernt in der Nähe der Küstenautobahn, getroffen von fünf Kugeln, drei in der Stirn, einer in der Brust, einer im Rücken ...

... Wie Monika Borgmann es so wunderbar schlicht gesagt hat: "Man kann einen Menschen töten, aber nicht seine Ideen!"
Monika Borgmann, die aus Deutschland stammende Filmemacherin und Ehefrau des ermordeten libanesischen Aktivisten Lokman Slim, führt das gemeinsame Engagement zur Aufarbeitung der jüngeren politischen Geschichte des Libanon nun alleine weiter ...

"Die Arbeit meines Mannes lebt in uns weiter"
26.05.2021 - Qantara / Deutsche Welle

Gruß
Birgitt
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Dreieinhalb Monate ist es her, als ich über die libanesische Währung geschrieben habe:
Die libanesische Währung, rund drei Jahrzehnte zum (künstlich) festgelegten Wechselkurs von 1 USD = 1.500 Libanesische Lira oder auch Libanesisches Pfund gehandelt, hat am Wochenende die Umtauschrate von 1 USD = 15.000 Libanesische Lira erreicht. Und leider ist das kein Druckfehler (inzwischen hat sie sich zum Glück bei etwa 11.000 vorerst beruhigt).
Heute hat das Libanesische Pfund (LBP) wie eigentlich fast jeden Tag einen neuen Tiefstand erreicht: 19.400 LBP zum US-Dollar. Was das bedeutet, kann sich jede/r ausrechnen. Bei den Benzinpreisen wird das besonders deutlich: vor ein paar Wochen lag der Preis bei ca. 24.000 LBP für 20 Liter. Nach der alten Umtauschrate waren das rund 67 Euro-Cent. Vor zwei Wochen waren es dann 40.000 LBP und seit letzter Woche liegt der Preis bei 71.600 LBP für 20 Liter Super 95. Für die Menschen, die keinen Zugang zu Devisen haben - und das sind vermutlich rund 80 Prozent der Libanesinnen und Libanesen - hat sich der Preis also innerhalb weniger Wochen verdreifacht (obwohl er immer noch massiv subventioniert ist!).

Die Finanzkrise begann schon vor dem Ausbruch der revolutionsartigen Unruhen am 17. Oktober 2019. Damals hielten wir die Schlangen an den Tankstellen für ein vorübergehendes Phänomen. Benzinkrise in Beirut, 11. Oktober 2019
Die Finanzkrise begann schon vor dem Ausbruch der revolutionsartigen Unruhen am 17. Oktober 2019. Damals hielten wir die Schlangen an den Tankstellen für ein vorübergehendes Phänomen. Benzinkrise in Beirut, 11. Oktober 2019

Für uns Ausländer, die über 30 Jahre unter dem künstlich überhöhten Wechselkurs gestöhnt haben, ist die Situation dagegen völlig anders: In unseren WüSchi-Länderinfos, die schon lange nicht mehr aktualisiert werden, wird ein Preis von 73 Euro-Cent für das 95er Benzin genannt. Nach der massiven Geldentwertung liegt der Preis jetzt noch bei 15 Cent!

Nützen tut das allerdings wenig, denn nur noch selten kann man überhaupt tanken. Die Schlangen vor den wenigen geöffneten Tankstellen sind so lang, dass die Wartezeit im Schnitt mindestens zwei Stunden besteht. Oft gibt es dann nur ein paar Liter. Spätestens mittags sind die Tankstellen leer und geschlossen.

Heute sind die libanesischen Tankstellen meist geschlossen. Die Preise sind wie bei allem ins Uferlose gestiegen. Tankstelle in Beirut, 10. Juli 2021
Heute sind die libanesischen Tankstellen meist geschlossen. Die Preise sind wie bei allem ins Uferlose gestiegen. Tankstelle in Beirut, 10. Juli 2021

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen ist der Staat pleite und kann die Subventionen für die Benzinimporte nicht mehr aufbringen. Vollgeladene Tanker liegen bis zu einem Monat vor der Küste vor Anker. Zum zweiten aber wird gerade wegen der Subventionen ein nicht unerheblicher Teil des Treibstoffes ins vom Krieg geschundene Syrien geschmuggelt und dort zum dreifachen Preis verkauft.

Die Nerven liegen blank, immer häufiger kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Unsere favorisierte (Marken-)Tankstelle war wegen eines Konfliktes mit einer der ehemaligen Bürgerkriegsmilizen tagelang ganz geschlossen. Die Woche hat einen guten Verlauf genommen, wenn wir es geschafft haben, vollzutanken.

Manchmal ist es fast Kunst. Tankstelle in der Nähe von Batroun, März 2020
Manchmal ist es fast Kunst. Tankstelle in der Nähe von Batroun, März 2020

Viele Grüße aus Beirut
Achim
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Heute haben die Libanesinnen und Libanesen und viele Ausländer im Land der verheerenden Explosion vor einem Jahr im Hafen von Beirut gedacht. Erstmals nach sehr langer Zeit waren wieder Zehntausende auf den Straßen, trotz drückender Hochsommerhitze. Es war ein beeindruckendes Zeichen, dass die 214 Opfer (von den 6.500 Verletzten gar nicht zu reden) nicht vergessen sind und ebenso diejenigen, die Kinder, Eltern, Ehepartner verloren haben. Ein Jahr nach der Katastrophe stecken die staatsanwaltlichen Ermittlungen fest, die Politiker tun in einer unheiligen Allianz alles, um den Staatsanwalt zu blockieren (es ist bereits der zweite, der erste wurde abgesägt, weil er zu eifrig ermittelte). Dennoch war die Demonstration heute, die Schweigeminute am Hafen, ein starkes Zeichen, dass die im Oktober 2019 begonnene Bürgerbewegung durchaus noch aktiv ist.

In einer von Frankreich und den Vereinten Nationen zum Jahrestag einberufenen Geberkonferenz wurden heute über 300 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt - die sind auch dringend nötig, denn im Libanon geht derzeit nichts mehr. Und sie werden natürlich bei weitem nicht reichen.

Hier ein paar Impressionen von heute:

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Die libanesische Zeder und die Namen der Opfer
Die libanesische Zeder und die Namen der Opfer

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Protestierende auf der Hafenautobahn - vom Ort der Explosion führte der Weg zum (abgeriegelten) Parlament im Stadtzentrum
Protestierende auf der Hafenautobahn - vom Ort der Explosion führte der Weg zum (abgeriegelten) Parlament im Stadtzentrum

Viele Grüße aus einer geschundenen Stadt
Achim
Mauritius
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Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Mauritius »

Ja, schreckliche Bilder! Wie soll es denn dort weitergehen?
Als ich im Okt. '19 dort war, begannen die Demo's gerade - und der $ war zu 1.500 Lib.Pfund zu wechseln; in der Zwischenzeit sollen es schon 15.000 Pfund pro US$ sein, eine Spirale ohne Ende.

Kommen denn Touristen in den Libanon zur Zeit?

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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Lieber Mauritius,

das libanesische Pfund - das hatte ich früher schon mal geschrieben - steht inzwischen bei 20.000 zum Dollar und ein Ende ist noch lange nicht abzusehen.

Und deshalb sind Reisen in den Libanon sehr preiswert geworden. Folgerichtig kommen auch ziemlich viele Touristen, wobei die Mehrheit natürlich Auslandslibanesen sind. Aber wir haben auch schon Touristen aus Kenia getroffen, die im Libanon zwei Wochen blieben, weil es so preiswert ist, und dann nach Großbritannien weiter reisen konnten, was coronatechnisch aus Kenia nicht so einfach geht.

Viele Grüße
Achim
Mauritius
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Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Mauritius »

Guten Morgen, Achim, das ist ja ein Schock in der Morgenstunde: 20.000 !!! Unglaublich!

Ich bin sicher, ich werde auch noch mal in den Libanon kommen, meine Buchung für Tripoli hatte ich ja storniert, weil etliche Straßen blockiert waren.

Gewohnt habe ich hier:

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Und hier war ich jeden Abend essen - die Preise waren ja in Beirut nicht ganz ohne, da hab' ich mich bissl eingeschränkt:

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Am meisten ärgert und stört es mich, daß man in den Libanon nicht mit einem DIESEL- Kfz einreisen darf, sonst würde ich sofort mit dem Wohnmobil kommen; diese Reederei https://www.akgunlerdenizcilik.com/ bietet Fährfahrten voon Mersin, TR, nach Tripolis, LB, an, wäre eine tolle Sache für mich.

Aber vielleicht wird es auch eine Möglichkeit geben, von SY aus in den Libanon zu gelangen . . . ?

Verregnete Grüße, Mauritius.
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Eine gute Freundin, Sophie Roupetz, hat eine feinfühlige Reportage gedreht, die im Rahmen einer kleinen Serie (Auslandskorrespondentinnen beschreiben ihre Stadt) im Österreichischen Rundfunk ausgestrahlt wurde und den Auftakt machte, just am 4. August. Leider ist sie in der Mediathek des ORF nur noch fünf Tage zu sehen - anschauen lohnt sich unbedingt!

WELTjournal: "Mein Beirut"
(ORF 2, 4. August 2021)

Viele Grüße
Achim
Mauritius
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Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Mauritius »

Heute endlich hab' ich's geschafft, mir noch in letzter Minute diese Reportage anzusehen - vielen Dank für das Einstellen hier.
Hab' mich an vieles erinnern können, allerdings kann ich mir einfach nicht vorstellen, daß Beirut bald wieder in altem Glanz erstrahlen wird.
Mauritius
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Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Mauritius »

Interessanter Artikel betreffs Treibstoffversorgung im Libanon: https://www.spiegel.de/ausland/libanon- ... 3939ea0dcb

Wo soll das alles noch hinführen . . . ?
Angelika Baumann
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Angelika Baumann »

Hallo zusammen,

schon wieder eine Explosion im Libanon. Im Norden in Akkar ist ein Treibstofflager detoniert. Mindestens 20 Tote - viele Verletzte... :cry:

https://www.dw.com/de/viele-tote-nach-t ... a-58868446

Viele Grüße

Geli
"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche sich die Welt nie angeschaut haben."
Alexander von Humboldt
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd?

Beitrag von Achim Vogt »

In der Tat ist es inzwischen ziemlich zappenduster geworden im Libanon.

Die Explosion von heute Nacht symbolisiert das in vielfältiger Weise. Es ging um ein verstecktes Lager mit Tanks für 60.000 Liter Benzin und 40.000 Liter Diesel, das aufgeflogen war. Die libanesische Armee war mit der Sicherstellung beschäftigt und wollte das Benzin und den Diesel gratis an die Bürger abgeben. Entsprechend herrschte ein ziemlicher Auflauf von Menschen. Zur Explosion kam es offenbar, nachdem jemand ein Feuerzeug benutzt hatte. Ob das einer der Umstehenden oder ein Armeeangehöriger war, spielt dabei am Ende keine Rolle.

Vieles ist noch unklar: sollte der Treibstoff auf dem lokalen Schwarzmarkt im Norden Libanons angeboten werden, wurde er womöglich noch teurer nach Syrien geschmuggelt oder war er nur stille Reserve für das Unternehmen, auf dessen Gelände er sichergestellt wurde. Tatsache ist, dass die meisten Tankstellen leer sind. Heute sind wir ziemlich viel im Land rumgefahren und die Schlangen an den wenigen noch geöffneten Tankstellen, die häufig nur wenige Liter pro Fahrzeug abgeben (die dafür zum Teil fünf Stunden und länger warten oder ihre Autos schon in der Nacht in der Warteschlange abstellen), waren ziemlich beeindruckend.



Die Folgen sind absolut katastrophal. Zwei der wichtigsten Krankenhäuser Beiruts stehen vor der Schließung, weil es keinen Strom vom Staat und eben auch keinen Diesel für die Generatoren mehr gibt. Das Krankenhaus der Amerikanischen Universität in Beirut hat heute Nachmittag einen eindringlichen Appell versandt. Danach würden zahlreiche Patient/innen eine Abschaltung nicht überleben. Vorbeigefahren sind wir schon an einem geschlossenen Shopping-Center, viele Bäckereien müssen schließen. Selbst Mineralwasser in Flaschen ist ausverkauft, weil die Pumpen nicht mehr arbeiten und die Lieferwagen keinen Diesel mehr haben. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Auch wenn der Libanon ein tolles und zur Zeit wirklich preiswertes Reiseland ist - jetzt gilt nur noch: weg bleiben!

Viele Grüße aus Beirut
Achim
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Vor ein paar Wochen keimte für einen kurzen Moment mal wieder Hoffnung auf im Libanon, als der ehemalige Premier Najib Mikati als neuer Ministerpräsident mit einer Expertenregierung vereidigt wurde. Es schien, als könnte Mikati, ein erfolgreicher Geschäftsmann, die so dringend benötigten Reformen anstoßen und vor allem die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds endlich beginnen.

Heute haben diese Hoffnungen einen massiven und nachhaltigen Dämpfer bekommen. Die Schiiten-Parteien Hizbullah und Amal sind auf die Straße gegangen, um gegen die Arbeit des Sonderermittlers der Hafenexplosion vom 4. August 2020, Tarek Bitar, zu protestieren. Bitar wird vorgeworfen, gegen die beiden Parteien voreingenommen zu sein und seine Ermittlungen auf diese zu konzentrieren. In der Sitzung des Kabinetts kam es am Mittwoch zum Eklat, als der schiitische Kulturminister die Absetzung des Ermittlers forderte und mit der Auflösung der gerade erst gebildeten Regierung drohte.

Offenbar - die Ermittlungen dauern natürlich noch an - eröffnete ein Heckenschütze, möglicherweise ein Christ und Anhänger der Partei "Lebanese Forces", das Feuer auf die Demonstrierenden. Insgesamt kamen bei den rund fünfstündigen Auseinandersetzungen nach bisherigen Angaben sechs Menschen ums Leben, über 30 wurden verletzt. Wie immer treibt die Polarisierung des Landes und seiner Bevölkerung die gegenseitigen Schuldzuweisungen an - aber fast wie immer haben alle Beteiligten eine Mitverantwortung. Nun wollen alle de-eskalieren, aber wir werden abwarten müssen, wie sich die Situation in den kommenden Tagen weiterentwickelt.

Die Auseinandersetzung von heute hat das Zeug zu mehr nachhaltigen Konflikten in der Zukunft. Hizbullah und Amal versuchen, ihre Machtbasis zu halten, ihre Gegner sind bestrebt, die jüngsten Vorkommnisse zum Anlass für eine grundsätzliche Abrechnung mit der Hizbullah und ihrer militärischen Präsenz und Dominanz im Libanon zu nehmen. Das ist - mal wieder - ein Tanz auf dem Vulkan. Die beteiligten Akteure gehen ein hohes Risiko ein: sie wollen provozieren, aber nicht überziehen. Die aufgestachelten, vorwiegend sehr jungen Milizionäre, werden sich aber, vor allem lokal und in der Nacht, nur sehr schwer kontrollieren lassen.

Viele Grüße aus Beirut
Achim
Sandlover
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Sandlover »

Auf Arte gibt es eine interessante Dokumentation über die Machtkämpfe der letzten Jahrzente im Libanon. Sehr interessant: https://www.arte.tv/de/videos/086947-00 ... -im-chaos/
Der Virus Africanus hat schon so manchen erwischt. Auch nach mehreren und immer wieder kehrenden Besuchen des Kontinents bin ich immer noch genauso infiziert wie am Anfang. So sehr ich es auch versuche: ich krieg ihn nicht los!!! :wink:

Viele Grüße Wolfgang
landcruiser.
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von landcruiser. »

Den Bericht auf Arte, so wie die anderen Filme zum Libanon dort, fand ich sehr interessant.

Sieht man wieder einmal wie sich die Siegermächte des 1. WK damals verhalten haben.

War damals wohl das Übliche: Schöne grade Grenzlinien ohne Berücksichtigung irgendwelcher Ethnien, Religionen, Stammeszugehörigkeiten.

Man wusste es wohl vor 100 Jahren nicht besser?

Dazu noch die Machtinteressen der verschiedenen "Blöcke" und Religionen, die man dort bis heute als Stellvertreter wahrnimmt.

Ansonsten haben wir 2021 und die Menschen schlagen sich immer noch gegenseitig den Schädel ein.

Nur die Mittel und die Effektivität des Verstümmelns und Töten hat sich exponentiell gesteigert.

Die Nutznießer nehmen natürlich, wie üblich, nicht direkt teil, sondern sitzen irendwo im Warmen.

Die Dummheit der Menschen ist wohl unüberwindbar und für alle Zeiten gesichert. (geklautes und geändertes Zitat).
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