Dreieinhalb Monate ist es her, als ich über die libanesische Währung geschrieben habe:
Die libanesische Währung, rund drei Jahrzehnte zum (künstlich) festgelegten Wechselkurs von 1 USD = 1.500 Libanesische Lira oder auch Libanesisches Pfund gehandelt, hat am Wochenende die Umtauschrate von 1 USD = 15.000 Libanesische Lira erreicht. Und leider ist das kein Druckfehler (inzwischen hat sie sich zum Glück bei etwa 11.000 vorerst beruhigt).
Heute hat das Libanesische Pfund (LBP) wie eigentlich fast jeden Tag einen neuen Tiefstand erreicht: 19.400 LBP zum US-Dollar. Was das bedeutet, kann sich jede/r ausrechnen. Bei den Benzinpreisen wird das besonders deutlich: vor ein paar Wochen lag der Preis bei ca. 24.000 LBP für 20 Liter. Nach der alten Umtauschrate waren das rund 67 Euro-Cent. Vor zwei Wochen waren es dann 40.000 LBP und seit letzter Woche liegt der Preis bei 71.600 LBP für 20 Liter Super 95. Für die Menschen, die keinen Zugang zu Devisen haben - und das sind vermutlich rund 80 Prozent der Libanesinnen und Libanesen - hat sich der Preis also innerhalb weniger Wochen verdreifacht (obwohl er immer noch massiv subventioniert ist!).

- Die Finanzkrise begann schon vor dem Ausbruch der revolutionsartigen Unruhen am 17. Oktober 2019. Damals hielten wir die Schlangen an den Tankstellen für ein vorübergehendes Phänomen. Benzinkrise in Beirut, 11. Oktober 2019
Für uns Ausländer, die über 30 Jahre unter dem künstlich überhöhten Wechselkurs gestöhnt haben, ist die Situation dagegen völlig anders: In unseren WüSchi-Länderinfos, die schon lange nicht mehr aktualisiert werden, wird ein Preis von 73 Euro-Cent für das 95er Benzin genannt. Nach der massiven Geldentwertung liegt der Preis jetzt noch bei 15 Cent!
Nützen tut das allerdings wenig, denn nur noch selten kann man überhaupt tanken. Die Schlangen vor den wenigen geöffneten Tankstellen sind so lang, dass die Wartezeit im Schnitt mindestens zwei Stunden besteht. Oft gibt es dann nur ein paar Liter. Spätestens mittags sind die Tankstellen leer und geschlossen.

- Heute sind die libanesischen Tankstellen meist geschlossen. Die Preise sind wie bei allem ins Uferlose gestiegen. Tankstelle in Beirut, 10. Juli 2021
Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen ist der Staat pleite und kann die Subventionen für die Benzinimporte nicht mehr aufbringen. Vollgeladene Tanker liegen bis zu einem Monat vor der Küste vor Anker. Zum zweiten aber wird gerade wegen der Subventionen ein nicht unerheblicher Teil des Treibstoffes ins vom Krieg geschundene Syrien geschmuggelt und dort zum dreifachen Preis verkauft.
Die Nerven liegen blank, immer häufiger kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Unsere favorisierte (Marken-)Tankstelle war wegen eines Konfliktes mit einer der ehemaligen Bürgerkriegsmilizen tagelang ganz geschlossen. Die Woche hat einen guten Verlauf genommen, wenn wir es geschafft haben, vollzutanken.

- Manchmal ist es fast Kunst. Tankstelle in der Nähe von Batroun, März 2020
Viele Grüße aus Beirut
Achim