Atachi, Atachi, ruft Sidi in den Morgen hinaus. Und zündet das Feuer für den Tee an, ergänzt er dieses mal auf Tamasheq. Es ist wieder 2:00 Uhr morgens. Mir fallen die Augen wieder zu. Sidi weckt mich vorsichtig und versucht mich mit einem Glas Tee zu überzeugen, meinen Schlaf zu unterbrechen.
Mit dem Laufen kommt auch der Kreislauf schnell wieder in Schwung. Heute am dritten Tag waren die Juhuuuu und Jahoooo Rufe der Tuareg schon etwas verhaltener. Auch an ihnen gehen die Strapazen nicht vorbei.

Nach unserem Mittagessen und dem Tee setzen wir uns auf unsere Kamele. Sabrilla hilft mir wieder beim Aufstieg. Es dauert immer eine Zeit, bis ich die richtige Sitzposition eingenommen habe. Zumindest für ein paar Minuten. Ich habe kein Sitzfleisch und ich bewege mich immer wieder hin und her, um zu verhindern, dass mir das Gesäss oder andere Körperteile einschlafen.

Je heißer es wird, um so stärker macht sich die Müdigkeit bemerkbar. Man nickt für ein oder zwei Sekunden weg und schreckt danach wieder hoch und verkrampft sich in die Stricke, mit denen die Ladung auf dem Kamel gesichert ist. Die Müdigkeit überwältigt mich. Ich versuche meinen Schlaf immer mehr zu verlängern. Nur ein paar Sekunden. Bis ich wieder hochschrecke. Ich versuche die Stricke so um meine Hände zu wickeln, dass ich doch für den Fall der Fälle nicht vom Kamel fallen werde. Sabrilla, meinem Fordermann scheint es ähnlich zu gehen. Ich bemerke, wie sein Körper sich immer mehr nach rechts neigt und dann wieder hochschreckt.

Wer auf einem Kamel reitet wird unweigerlich zum "Ja - Sager". Die Bewegung des Kamels veranlasst den Reiter zweimal pro Sekunde zu nicken. Selbst die Ohren des Kamels machen diese Bewegung mit. Es sieht zum Schreien aus.
Plötzlich ist es geschehen. Aus dem Sekunden- wird ein Minutenschlaf. Ich höre nur noch die lauten Rufe bis ich bemerke, dass ich mit samt der Ladung nach rechts wegrutsche. Ich befinde mich im freien Fall.

Ich schlage, wie befürchtet mit der Hüfte auf und auf mich fällt die gesamte Ladung. Langsam bewege ich mich. Ich teste die Beine, rolle mich etwas zur Seite. Es sieht gut aus. Meine Rippen schmerzen...
Schnell kommen mir einige Tuareg zu Hilfe geeilt. Sie befreien mich von der Ladung und ich erkenne an ihrem besorgten Blick, welche Gedanken ihnen durch den Kopf gehen. Ich versuche langsam aufzustehen. Ich bin noch an einem Stück. Ausser den geprellten Rippen ist mir nichts passiert. Die besorgten Gesichter erhellen sich wieder. Man läßt sich zu einem Lächeln hinreißen und sie klopfen mir erleichtert auf die Schulter.
Wäre etwas Schlimmeres passiert, die Karawane hätte nicht anhalten können. Es hätte weitergehen müssen. Es gibt keinen Rettungshubschrauber oder einen Toyota für den Ernstfall.

Die Karawane unterbricht ihren Trott nicht. Während sie weiter läuft, beladen wir wieder mein Kamel. Ich bin jetzt hell wach. Ich laufe wieder ein Stück.

Als die Dunkelheit beginnt den Tag zu verdrängen sitzen wieder alle auf ihren Kamelen. Nur Sidi läuft weiter, als wären seine Reserven unerschöpflich.
Bei vollkommener Dunkelheit hört man kein Wort, keinen Laut. Nur das Treten der Kamelfüße im Sand. Es ist ein eigenartiger, gleichmässiger und monotoner Rythmus. Der Rücken schmerzt und ich sehne den Moment herbei, wo ich von meinem Kamel absteigen kann. Es gibt keine Ablenkung mehr, keine Dünen, welche die Müdigkeit vertreiben oder zumindest hinauszögern würden. Man starrt nur hinaus in die Dunkelheit. Es ist 21:00 Uhr, also die Zeit, wo wir normalerweise unser Lager erreichen. Die Karawane hält an. Aber nach einigen Minuten geht es weiter. Nach 10 Minuten wieder ein Stop. Doch kurze Zeit später geht es wieder weiter. Wie lange noch? Auch einige Tuareg merkt man ihre Ungedult an. Gegen 22:30 Uhr bleibt die Karawane wieder stehen. Dieses mal endgültig...


Heute Abend brauche ich kein Abendessen mehr, keinen Tee. Ich bemerke nicht einmal mehr den beeindruckenden Sternenhimmel. Ich schlafe ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden ein.






















































































