Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Kultur, Natur, Unterkunft, Reiserouten, Sehenswürdigkeiten, Tourismus Staaten: Marokko/Sahara, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten.

Moderator: Moderatoren

Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Kuno »

Also eigentlich sind es ja eher Türmchen als Türme:

Bild
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Kuno »

Die Türme wurden als Getreidespeicher genutzt. Hat mir soeben einer "von dort oben" bestätigt.
Bäärti
Beiträge: 1569
Registriert: Mo 1. Aug 2005, 20:23
Wohnort: südlich von Luzern... im Herzen der Schweiz, da wos am schönsten ist.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Bäärti »

Kuno hat geschrieben:Die Türme wurden als Getreidespeicher genutzt. Hat mir soeben einer "von dort oben" bestätigt.
"Speicherturm" hast du ja schon in der Bildunterschrift geschrieben.

Solche Speichertürme und -burgen gibt es in allen ariden Regionen Nordafrikas. Diese werden wegen der Wanderbewirtschaftung der Felder nötig.
Man muss sich das so vorstellen: Einen Teil vom Jahr wandern die Bauernfamilien mit ihren Tieren und dem ganzen Hausrat umher und beweiden die fruchtbaren Gegenden. Sie können alles mittragen, ausser den Getreidevorräte, die müssen zurückbleiben. Und damit sie nicht gelaut/gefressen werden, lagert man die in Speicherburgen oder -türmen. Hier sind die Vorräte einigermassen sicher. Zudem bleibt ein Wächter da, meist ein alter Mann oder ein körperlich angeschlagen Verwandter. Dieser vertreibt das Getier und schaut zum rechten.

Es gibt noch andere Varianten der saisonalen Lagerhaltung. Ganz interessant fand ich die Version mit den Töpfen. Das Getreide oder Öl wird in grossen, eingemauerten Töpfen gelagert. Die Töpfe könne so nicht geklaut werden, und der Inhalt muss in mühevoller Arbeit durch die enge Halsöffnung entnommen werden. Im Alltag ist das nicht hinderlich, beim Klauen aber schon.


Gruss Bäärti


.
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Gerhard Göttler »

Hi Ihr Müslis!

... und ich dachte, ich würde mich in Nordafrika ein bisschen auskennen!
Speichertürme! Für Getreide. Ist mir völlig neu!
Wie war denn das Getreide dort verwahrt? Offen, in einer Kammer, ähnlich wie in den Speichern Westafrikas? Oder in Krügen oder Körben? In Säcken? Wer kennt vergleichbare Speicher in welchen anderen Ländern? Bei Marokko muss ich passen, da könnte ich mir sowas vorstellen. Aber Algerien-Tunesien-Libyen? Gibt es weitere Bilder davon? Für mich sehr spannend und dem Kuno wäre ich für Koordinaten sehr verbunden.

Und Bäärti: Doch, doch, die Zeltnomaden, soweit ich sie kenne, haben durchaus auch ihre Getreidevorräte mitgeführt. In großen gewobenen Säcken, an deren Färbung sich die Stammeszugehörigkeit ablesen ließ. Gelagert wurden diese Getreidesäcke zentral im Zelt auf einem "Gepäckbock" mittendrin, er stabilisierte zugleich die zentrale Stütze und war Trennung zwischen Männer- und Frauenabteil. Ich hab mal ein bisschen über diese Nomaden (vor allem bei Beni Zid Hamma und Hamama) im Gebiet Gafsa gearbeitet und kenne deshalb diese Säcke in Funktion noch aus eigener Anschauung. Ich zitiere H. Nachtigal: "Die Einteilung der beiden Zelthälften is umgekehrt als bei den Marazig. Die Frauenseite ist rechts, die Männerseite links. Die Zeltmitte wird durch Kisten und Holzgestelle, auf denen Nahrungsvorräte und die Decken für die Nacht aufgeschichtet sind, markiert." Bei den Hamama lernte ich noch eine ganz andere Form der Getreidespeicherung kennen, in unterirdischen, birnenförmigen Höhlungen, die in leicht erhabenem Gelände (z.B. bei Bir el Haffey) angelegt wurden. Im Gebiet Medenine wird von den Djebalias das Getreide in großen flaschenförmig-bauchigen Körben, einfach so im Freien stehend, gelagert. Da könnte am ehesten noch eine Ähnlichkeit mit diesen Speichertürmen angedacht werden.

Gerhard Göttler
Bäärti
Beiträge: 1569
Registriert: Mo 1. Aug 2005, 20:23
Wohnort: südlich von Luzern... im Herzen der Schweiz, da wos am schönsten ist.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Bäärti »

Gerhard Göttler hat geschrieben:Speichertürme! Für Getreide. Ist mir völlig neu!
... Wer kennt vergleichbare Speicher in welchen anderen Ländern? ...
Gerhard Göttler
Grüezi Gerhard. Solche kennst du: Zum Beispiel Ksar Ouled Soltane oder Ksae Hadada in Tunesien :!:
Das Getreide, Datteln, Öl wird entweder offen gelagert oder in sehr grossen Töpfen. Das offen gelagerte Getreide kann eben nicht so einfach geklaut und abtransportiert werden. Und die Öltöpfe sind entweder grösser als die Tür oder eben eingemauert. Als dann die französische Kolonialmacht vor 170 Jahren Sicherheit und Stabilität brachte, haben die Speicherburgen ihre Funktion nach und nach eingebüsst…

Ich nehme an, dass bloss in ertragreicheren Gegenden Ackerwirtschaft in einem grösseren Ausmass betrieben wurde. Und nur da sind Speicherburgen erforderlich. Wenn die Ernte bloss einige Säcke umfasst, kann die der Esel wohl mittragen.

Die "Tuareg-Säcke" sind mir natürlich wohlbekannt.

Gruss Bäärti


.
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Gerhard Göttler »

Nein, Bäärti,

von diesen Ksars (richtiger Ksour) oder Ghorfas rede ich natürlich nicht. Ich dachte schon an solche isoliert stehenden Türme, wie der von Kuno fotografierte. Einen solchen Turm in dieser Funktion als Speicher, das ist es eben, was mir gänzlich unbekannt war. Diese Getreidesäcke bei den Nomaden nennen sich grara, werden auf dem Bodenwebstuhl hergestellt und zeichne(te)n sich durch stammestypische Farbmuster aus. Auch heute noch werden solche Gewebe auf dem Markt von Gabes angeboten, in beige-braun-dunklen Streifenmustern, jedoch als Teppiche bzw. Läufer und nicht zusammengenäht zu Säcken. Vielleicht hat sie der eine oder andere so schon gesehen oder gar erworben. Und in Inneren der Ghorfas hab ich natürlich schon alle möglichen Speicherformen gesehen, heute am auffallendsten natürlich noch die amphorenartigen Gefäße, weil sie erhalten geblieben sind (im Gegensatz zu Säcken aus Wollgewebe). In den wurden Nahrungsvorräte bekanntlich schon im klassichen Altertum gespeichert.

Der Gerhard
Bäärti
Beiträge: 1569
Registriert: Mo 1. Aug 2005, 20:23
Wohnort: südlich von Luzern... im Herzen der Schweiz, da wos am schönsten ist.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Bäärti »

Gerhard Göttler hat geschrieben:Nein, Bäärti,

von diesen Ksars (richtiger Ksour) oder Ghorfas rede ich natürlich nicht. Ich dachte schon an solche isoliert stehenden Türme ...

Der Gerhard
Deinen Einwand habe ich erwartet. Ich glaube aber, dass die solitären Türme und die Ghorfas im Prinzip das gleiche sind. Ihre unterschiedliche Ausprägung rührt von den unterschiedlichen wirtschaftlichen (und vielleicht auch kulturellen) Rahmenbedingungen her. Die Speichertürme sozusagen als "Kleinst-Ghorfa" für einzelne Familien.

Da hast aber schon recht, die Bauart ist völlig unterschiedlich. Die Tatsache das der Turm alleine steht, könnte aber diesen Umstand erklären?
Es sind aber auch gewisse Parallelen erkennbar: sehr kleine Tür, nur ganz kleine Lüftungslöcher - wie bei den Ghorfas. Rätselhaft scheinen mir die sudanesisch anmutenden Ecktürmchen? Ecktürmchen wie zum Beispiel in Ghadames...


Gruss Bäärti


.
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Kuno »

Hab's leider nicht fotografert. Unten ist ein Raum, welcher in der Decke ein recht schmales Loch hat. Gespeichert wurde also wohl in den oberen Etagen...

Man hat mir noch erklärt, dass die Türme von Familie "betrieben" wurden, welche sich mit den anderen in der grossen Ghorfa nicht immer gut verstanden haben oder um zu vermeiden, dass man alles in die grosse Ghorfa schlepen musste.

Da die Bauten ja immer bewacht sein mussten kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es auch eine gute Methode war um den Schwiegervater vom Haus entfernt zu halten 8)
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Gerhard Göttler »

Oh,

eine ganz neue Methode der Verbannung! Nein, da wurde oben die Schwiegermutter eingemauert und von daher kommt das Märchen mit der Rapunzel!

Ernstlich: Kennst Du (Kuno und Du Bäärti, kennt Ihr) weitere solche Speichertürme?

Spannend! Der Gerhard
Roger-Tecumseh
Beiträge: 2066
Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Bäärti hat geschrieben: Ich glaube aber, dass die solitären Türme und die Ghorfas im Prinzip das gleiche sind. Ihre unterschiedliche Ausprägung rührt von den unterschiedlichen wirtschaftlichen (und vielleicht auch kulturellen) Rahmenbedingungen her. Die Speichertürme sozusagen als "Kleinst-Ghorfa" für einzelne Familien.

Gruss Bäärti

.


Das ist nach meiner Meinung voellig richtig. Diese Speicheranlagen in all ihren oertlichen Formen sind fuer den Nordrand der Sahara - im Uebergang zur Steppe - typisch. Es ist auch moeglich, dass die Tuerme einst zu groesseren Anlagen gehoerten und nur als letzte "ueberlebt" haben. Ihre exponierte Position ist kein Zufall, sondern machte die Bewachung einfacher, da man schon von Weitem sehen konnte, wer sich daran zu schaffen machte.
Im Bergland (Tripolitanien/Tunesien) nennt man sie Gasr, im Aures Gelaa - und Ksar ist ja allgemein bekannt.
Wegen ihrer frueheren Funktion als Startplatz fuer Karawanen bis in den Sudan, war die Gegend um Médenine bis vor einigen Jahrzehnten geradezu von Speicheranlagen gespickt. Heute sind sie verschwunden. Man bewahrte ja dort nicht nur Lebensmittel, sondern (in den einzelnen Kammern=Ghorfas) auch Kleidung, Waffen und Schmuck auf.

Man darf bei der Betrachtung dieser Wanderungen nicht versehentlich Nomaden mit Halbnomaden gleichsetzen. Letztere sind es, die - da immer in den gleichen Gegenden unterwegs - im Norden diese bewachten Speicheranlagen einrichteten. - Selbst tiefer in der Sahara gab es aber auch ganz aehnliche Anlagen: im Gourara als Kasba mit den Makhzen (Kammern); meist in der direkten Naehe von Doerfern. - Besonders reich an solchen Bauten war uebrigens auch Suedmarokko, wo man ihren Eigennamen (z.B. Agadir, oder Tighremt) heute in ganz anderem Zusammenhang begegnet.

Hallo Gerhard: Ich habe schon sehr lange keines Deiner Buecher mehr in der Hand gehabt, deshalb dieser wahrscheinlich ueberfluessige Hinweis auf Reste von Bauten, die gerade im libyschen Bergland noch heute - da fast vergessen - eine grosse Ausstrahlung haben: die roemischen Grenzanlagen mit den vereinzelten Wachtuermen!

Gruss

Roger-T.
Bäärti
Beiträge: 1569
Registriert: Mo 1. Aug 2005, 20:23
Wohnort: südlich von Luzern... im Herzen der Schweiz, da wos am schönsten ist.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Bäärti »

Irgendwie meine ich mich zu erinnern, in der Kabylei vergleichbare Türme gesehn zu haben? Ich habe gesucht, konnte aber bis jetzt nichts finden...

Gruss Bäärti


.
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
Roger-Tecumseh
Beiträge: 2066
Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Bäärti hat geschrieben:Irgendwie meine ich mich zu erinnern, in der Kabylei vergleichbare Türme gesehn zu haben? Ich habe gesucht, konnte aber bis jetzt nichts finden...

Gruss Bäärti

.

Das ist sicher richtig - weshalb ich das Aures erwaehnte!
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Gerhard Göttler »

Treibt mich doch bitte nicht zur Verzweiflung!

Natürlich kenne ich die Ksour, Gasr, Ghorfas zur Genüge, und einverstanden, es gibt sie (fast) ohne Ende im gesamten Nordsahara-Raum. Es geht um diesen isoliert stehenden Turm, so wie Roger etwa von diesen römischen Wachtürmen (Signal-Türmen) redet, nur von diesen rede ich, und vor allem in ihrer Funktion nicht als Wach-, Signal- oder Moschee-Turm (= Minarett) sondern als Speicher. Nur und nur darum. Und drum wiederholte ich: Kennt jeman noch einen solchen Speicher(!)-Turm im libysch-tunesischen Bereich außer dem, der auf Kunos Foto zu sehen ist?

Und Roger, ich erinnere mich gerade nur an erhaltene römische (Wach)Türme in West-Gariyat, Gariyat el-Garbia, Grabtürme gibts dagegen etliche mehr. Kennst Du noch einen anderen, erhaltenen Signal-Turm, der mir gerade nicht einfällt? Frei im Gelände, nicht in einer Anlage ... ?

Der Gerhard
Bäärti
Beiträge: 1569
Registriert: Mo 1. Aug 2005, 20:23
Wohnort: südlich von Luzern... im Herzen der Schweiz, da wos am schönsten ist.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Bäärti »

Ich meine bei den Türmen in der Kabylei handelt es sich auch um Speichertürme. Aber ich weiss nicht mehr, ob die freistehen. Heute schon, aber möglicherweise sind bloss die umliegenden Bauten verschwunden?

Die Grabtürme sind bautypologisch völlig anders...


Gruss Bäärti

.
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Libyen / Jefarah & Jebel Nefusah

Beitrag von Kuno »

Also von diesen Speichertürmen gibt's am Fusse des Jebel Nafusah schon einige. Werde sie gelegentlich mal "aufsammeln".
Antworten