Umgang mit Betteln und kritischen Themen

Kultur, Natur, Unterkunft, Reiserouten, Sehenswürdigkeiten, Tourismus Staaten: Marokko/Sahara, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten.

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Arakis
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Umgang mit Betteln und kritischen Themen

Beitrag von Arakis »

Kontext: Ich meine nicht die Straßenbettler, "Wegelagerer" oder mutmaßlich korrupte Beamte.

Kurzfassung, da es doch mehr Text geworden ist als gedacht:
Wie respektvoll Bettelanfragen abweisen, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen, vor allem wenn man der Situation nicht physisch entgehen kann.

Long Story:

Es gibt zwar kein Schwarz oder Weiß, aber tendenziell gibt es zwei Gruppen von Gastfreundschaft:
1) Die einen, welche mit Herz einladen, wo man sich wirklich angenommen fühlt, und Geld- oder Nahrung, welches wir von uns manchmal anbieten, absolut abgelehnt wird, sprich, wir können/dürfen uns nicht erkenntlich zeigen (oder dankbar angenommen und nichts weiter).
2) Und die anderen, welche Gastfreundschaft (überwiegend) anbieten, um danach/viel später die Hand aufzuhalten.
3) Graustufe dazwischen: Man kommt freundlich ins Gespräch, und nach einer halben Stunde kommen die ersten Bettel-Anspielungen: Geld, Kleidung, Handy(?!?!), Kraftstoff, oder einfach bitte Geldwechsel (Dirham<--->Euro). Ein Nein wird nicht akzeptiert und man möchte den Mann auch nicht unhöflich die Tür vom Van vor Nase zuhauen.

Beispiel zu Punkt 2: Wir waren schon viele Tage mit jemanden in Kontakt und dann hat es sich ergeben, dass er uns einlud. "Er" war und ist ein sehr aufrichtiger Mann. Seine Frau jedoch hat direkt am nächsten Tag Geld gefordert (was wir dann nicht gaben), zumal sie es auch immer hinter dem Rücken vom Mann subtil forderte. Sie fragte auch nach Schuhen, unseren Wasserkanister, etc. (da ja kein Geld kam). Generell alles sehr suspekt, dann hat meine Frau hat ihr was von ihrer Handarbeiten geschenkt, was meist positiven Anklang findet - sie jedoch hat direkt "zwei" genommen, sich nicht mal bedankt. Durch eine Geste hat sie uns mehr oder weniger des Hauses verwiesen. Ich teilte dem in der Tat ehrenwerten Ehemann mit, dass wir nun abreisen möchten. Er hat sich vor das Verhalten seiner Frau entschuldigt.

- Ergänzend zu Punkt 3: Es war ein Motorradfahrer, welche an einem Tag unbedingt mit uns Geld wechseln wollte. An einem anderen Tag kam er und bat uns darum sein Telefon zu laden - was wir natürlich taten. Und während der Ladezeit, kamen nach und nach eigentlich nur Bettelanfragen. Ich wusste nicht gut wie ich reagieren sollte, denn nach einem Nein wurde die Anfrage wiederholt oder auf was anderes abgeändert. 90% Gesprächs in 60 Minuten ging es um da Ablehnen von Bettelanfragen. Ich hätte einfach sagen können, hier nimm dein (noch nicht aufgeladenes Telefon) und ich wäre in den Van zurück gegangen. Aber ich wollte bzw. bin stets respektvoll mit ihm umgegangen, denn immerhin befinde ich mich in seinem Land, und wer weiß, man sieht sich oftmals 2x im Leben. PS: Auch wenns nur ein Detail/Vermutung ist, aber ich bin mir zu 99% sicher, er hätte es selber laden können, denn sein Haus, dass er mir aus der Ferne zeigte, hatte eine Solaranlage, und alle Häuser daneben.

In meinem Kopf gestalten sich diverse Verhaltensregeln, welche ich hier und da in den letzten Monaten immer wieder mal anpassen musste:

- Geht es um Politik, bitte ausweichen. Stets mitfühlend sein, und auch aufpassen, nicht zu sehr bestärken, es könnte eine Finte bzw. Übersetzungsfehler sein. Und natürlich, die Leute auf der anderen Seite einer konfliktbehafteten Grenze sind immer die bösen.
- Religion: Ausweichend. Kommt es jedoch zur Aussage, Religion XY ist die "einzig wahre", gern mal einen Eye opener aussprechen (z.B. "Willst du damit etwa sagen, dass der Buddhismus weniger Wert hat als deine Religion?"), aber dann nicht weiter darauf rumreiten. Kommt tatsächlich gut an. Denn ein Bestärken oder Verneinen führt das Gespräch nicht zwangsläufig in die bessere Richtung. (Warum bist du dann Religion XY noch nicht beigetreten?, z.b.)
- Frage nach meinem Verdienst/Kapital. Ich gebe mich grundsätzlich als "nicht reicher Mann". Nützt nur nix, denn Fakt ist,aus deren Sicht bin ich deutlich wohlhabender als die - was ich nicht von der Hand weisen kann.
- Helfen in die EU/D zu kommen. Früher habe ich noch immer argumentiert, dass es schwierig ist weil XY. Problem: Sie beißen direkt an. Nun sage ich ganz einfach: Ich kann nicht helfen - ich stelle mich dumm. Denn Fakt ist, natürlich kann ich nicht helfen.
- Ob ich ein Mädchen kenne dass man in der EU heiraten könnte. Früher hat mich die Frage stark verwundert und fing eine Debatte an. Nun sage ich ganz einfach: Nein ich kenne kein Mädchen in Deutschland, dass du heiraten kannst - Thema beendet.
- Tja, und dann ist da die Frage nach dem Erbetteln und wie man damit respektvoll umgehen kann. Darauf habe ich keine perfekte Lösung bisher. Klar, es gibt und gab Situation, wo ich natürlich was gegeben habe - es kommt immer auf den Kontext an und dass man sich "richtig" anfühlt.

Um noch einmal den Kontext zu betonen: Es geht nicht um irgendwelche Menschen auf der Straße. Da ist die Sache einfach: Weitergehen.
Chrigu
Beiträge: 989
Registriert: Di 5. Mai 2009, 11:07
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Re: Umgang mit Betteln und kritischen Themen

Beitrag von Chrigu »

Ein interessantes, kontravers diskutiertes Thema, welches wohl fast allen hier schon begegnet ist

Auch mir stellen sich immer wieder neue Fragen darüber.

Mal in Mauretanien, da hatte ich eine Reifenpanne und parkierte nahe einer Siedlung. Da strömten einige Leute aus der Umgebung daher.
Ich war da grad am Aufbocken des Fahrzeuges. Sie waren allerdings bestrebt, die Zeit zu nutzen und legten auf Tüchern fleissig ihre Souvenirs zur Präsentation aus.
Nun, ich legte meine Arbeit dann zur Seite und nahm mich ihnen an. Nur, ich setzte mich nicht vis-à-vis von ihnen in den Sand, sondern eben neben sie. Quasi als Teilnehmer und nicht als Kunde. Ich schaute mir ihre Dinge an und lobte auch die schönen Arbeiten. Das war im Richat-Gebiet, im Adrar.
Ich blieb dort dann einige Tage. Die Leute liessen aber nicht ab, immer wieder etwas verkaufen zu wollen. Waren es nützliche Dinge wie Lebensmittel, kaufte ich ab und zu mal etwas. Das mag sie dann befeuert haben, weiterzuprobieren.

Einmal haben wir uns in einem Oued festgefahren. Da kam ein mit Leuten vollbeladener Landrover Serie III daher und fuhr sich auch fast fest. Ich gab ihm dann meine Bleche. Die Leute, anstatt zu helfen, es waren vielleicht 15 Personen, begannen sofort zu beteln. Angesichts der Probleme, in denen wir uns befanden, etwas fragwürdig.

Résümé: Triffst Du die Leute zum ersten Mal, betteln sie, oder wollen Dir auf biegen und brechen etwas verkaufen. Weil man als Wegwerftourist angeschaut wird. Heute da, morgen schon weg. Die wollen einfach nur das Geld bekommen.
Bleibst Du aber länger, dann lernst Du sie erst richtig kennen und alles legt sich. Du wirst gewissermassen Teil der Gesellschaft. Von da an macht es Freude, mit den Einheimischen Zeit zu verbringen. Aber die ersten zwei, drei Tage ists mühsam.

Grüsse
Chrigu
>>>Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden!<<<
Birgitt
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Re: Umgang mit Betteln und kritischen Themen

Beitrag von Birgitt »

Hallo Arakis,

vor vielen Jahren hat Mike zu diesem Thema im Forum eine Umfrage gestartet. Vielleicht ist der alte Thread ja noch interessant für dich

Umfrage: Bettelnde Kinder am Straßenrand

Gruß
Birgitt
Arakis
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Registriert: Di 19. Dez 2017, 03:46

Re: Umgang mit Betteln und kritischen Themen

Beitrag von Arakis »

Danke für die Thread-Empfehlung. Dass mit Steinen werfenden Kindern habe ich schon öfters gehört, ich wüsste nicht wie ich da reagieren sollte außer schnell weiterzufahren. Ich seh's pragmatisch: Lackschäden sind verdammt ärgerlich (Rostgefahr), sind aber gut behandelbar. Der Spaß hört allerdings auf, sollte eine Scheibe oder die Solarpanels beschädigt werden...

Das Blockieren einer engen Piste ist mir allerdings neu und da kann man ja nicht einfach weiterfahren, außer ggf. umdrehen. Auch hier wüsste ich nicht so recht wie ich da reagieren sollte. Umdrehen: Doof, zumal es mal locker 100-200km Umweg sein können. Warten: Auch doof und kann endlos gedehnt werden. Mit dem Fahrzeug vorsichtig "wegschieben" (in Deutschland übrigens erlaubt): Kann (und wird definitiv) ganz schnell nach hinten losgehen.
Chris1
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Registriert: Di 27. Apr 2021, 21:34

Re: Umgang mit Betteln und kritischen Themen

Beitrag von Chris1 »

@Arakis

Arabische Sprache ein wenig lernen, löst alle solche Probleme. :) Wenn vom Anfang was nicht passt, sich nicht einladen lassen z.B müde, möchte früher ins Bett, anderes Mal gerne etc. Andere Methode, einen lokalen Fahrer anheuern.

LG
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