Der Tag ist endlich gekommen. Es ist der 16. Dezember und wir sind auf dem Weg nach Genf, zum Flughafen. Ich habe wieder dieses Kribbeln im Bauch, das sich am Anfang einer Reise einstellt bis man dort ist wo man hin will. Und das nach all diesen Jahren, all diesen Reisen. Unser Ziel ist Dakar, wo wir vor nicht ganz einem Jahr unsere Motorräder, nach einer Fahrt durch Marokko und Mauretanien, bei einer Bekannten untergestellt haben. Diesmal soll es nach einer weiteren Runde in Mauretanien wieder nach Hause gehen.
Westafrika, und dabei speziell Mauretanien, ist immer wieder unser Ziel, da es so ziemlich die letzte Gegend der Sahara ist, wo man noch Freiheit geniessen kann. Keine Führerpflicht wie in den meisten Saharagegenden Libyens, Algeriens, Nigers oder Genehmigungen wie in Ägypten. Nein, einfach planen, vorbereiten und hinfahren, auch wenn es weit weg ist. Auf uns alleine gestellt sein und selbst bestimmen, ist die Erfahrung, die wir machen möchten.
Das Boarden soll gleich beginnen und von dem Flugzeug noch nichts zu sehen. Mich überkommt ein ungutes Gefühl. Erst wird der Abflug verschoben und dann komplett abgesagt. Der Urlaub fängt ja gut an. Nach stundenlangem Warten und einer Nacht in einem Hotel in Genf sitzen wir dann am nächsten Tag in Mailand noch mal sieben Stunden ab, bis wir uns dann endlich in Richtung Senegal in die Lüfte erheben.
Mit fast einer Stunde Verspätung kommen wir endlich in Dakar an. Der von unserer Bekannten geschickte Taxifahrer hält schön sein Schild mit unseren Namen in die Höhe und schon fahren wir mit unseren 60 Kilo Gepäck zur Herberge, wo wir um 3:30 Uhr, hundemüde vom nichts tun, ins Bett fallen.
Unsere Motorräder stehen noch im Zimmer eines Wohnhauses, so wie wir sie verlassen haben. Nur eine Staubschicht und ein paar Spinnweben zieren sie zusätzlich. Die komplett luftlosen Reifen an Sandras KTM wundern mich nicht, nach der Standzeit; obwohl bei mir noch etwas Druck drin ist. Als sie am nächsten Morgen wieder platt sind, ist dann klar: die Luftlosigkeit lag nicht an der verflossenen Zeit. So bekommen wir gleich Übung im Reifenflicken von Vorder- und Hinterrad.
Nach all diesen Hindernissen sind wir dann endlich auf der Strasse und auf dem Weg nach Mauretanien. In Nouakchott treffen Sandra und ich wie verabredet Eliane und Bruno, die von der Schweiz heruntergekommen sind. Mit ihnen wollen wir in Mauretanien einige Strecken fahren. Drei Fahrzeuge, die Beiden sind mit einem Geländewagen unterwegs, erhöhen im Falle einer Panne die Sicherheit auf abgelegenen Strecken. Und solche wollen wir fahren.
Gleich am nächsten Morgen brechen wir auf. Wasser-, Benzin und Dieseltanks werden gefüllt und Brot für ein paar Tage eingekauft. Über die verlassene Mine Bou Naga wollen wir nach Atar fahren. Diese Strecke ist grösstenteils sehr einsam, da parallel eine Asphaltstrasse verläuft. Erst wenn man in die Nähe der Adrar-Hochebene kommt, gibt es ein paar wenige Siedlungen und dadurch eventuell mal ein anderes Fahrzeug. Da die Strecke, nach allen Angaben, die wir haben, über 600 Kilometer lang ist und wir nicht wissen wie hoch der Sandanteil ist, haben wir 65 Liter Benzin und 10 Liter Wasser auf jedem Motorrad. Viel Gewicht für einen Einzylinder. Doch das, mit den Kenntnissen aus vielen Wüstenfahrten, selbst gefertigte Rahmenheck mit Zusatztanks, Kanistern und Alukisten verteilt die Beladung so günstig, dass die KTM noch gut zu fahren ist. Zwar ziehen die Kilos im Sand nach unten, doch das Motorrad bleibt, KTM-typisch, spurstabil. Nach ca. 60 Kilometern Teerstrasse weist das GPS ins Gelände nach Nordosten, wo auch eine deutliche Piste zu sehen ist. Das muss unsere Abzweigung sein. Die Piste wird nach und nach immer weniger deutlich und besteht bald nur noch aus einzelnen Spuren. Nach einiger Zeit guten Vorankommens stehen wir vor einem Dünenfeld, welches durchquert werden muss. Und es sind, typisch für Mauretanien, Akle-Dünen. Diese Dünenform besteht aus kleineren, eng verschachtelten Sandhaufen. Zudem haben wir auch noch das Glück gegen die übliche Windrichtung zu fahren. Was heisst, dass wir die steile und sehr weiche Seite der Dünen hinauf müssen. Den Rest des Tages kämpfen Sandra und ich mit den Elementen. Immer wieder stecken wir fest, müssen die Motorräder ausgraben, nach einem Weg suchen, um wieder ein paar Meter zu fahren. Spuren haben wir schon länger keine mehr gesehen. Bruno hat mit seinem Geländewagen in diesem Gelände viel weniger Probleme. Die zwei 100%-Sperren, die grossen und breiten Reifen und der kräftige Motor bieten hier eindeutig Vorteile. Doch er ruht sich nicht in seinem Wagen aus während wir schuften, sondern kommt uns immer wieder helfen. Das ist Teamgeist. Und Eliane lädt uns dann am Abend zum Essen ein. Ich hoffe nicht aus Mitleid. Doch so ist es, wenn unterschiedliche Fahrzeugtypen in der Wüste zusammen unterwegs sind. Mal muss der Eine warten, mal der Andere, weil jeder mit den verschiedenen Landschaftsformen anders zurecht kommt. Gegen 18:00 Uhr beschliessen wir den Fahrtag zu beenden und das Nachtlager aufzuschlagen. Sandra und ich sind von den Anstrengungen der letzten Stunden ziemlich erledigt und froh, dass wir uns nun ausruhen können. Noch während wir unser Zelt aufbauen, ist plötzlich in der Ferne ein Fahrzeug zu hören. Bruno nimmt das Fernglas und steigt auf eine Düne. Ein Einheimischer in einem Pickup fährt relativ zügig in die Richtung in die auch wir wollen. Dort wo er fährt, muss es also besser gehen. Das werden wir morgen ausprobieren.
Ziemlich früh brechen wir am nächsten Tag auf und sind tatsächlich recht schnell in einem Gebiet mit nicht mehr so engen Dünen. Auch ein Spurenbündel finden wir, dem wir nun folgen können. Es schlängelt sich in wildem Zickzack durch die Dünen, ist mal deutlicher mal weniger deutlich zu sehen und führt, trotz der Schlangenlinie, grob in unsere beabsichtigte Richtung. Nach einiger Zeit werden die Dünen weniger, der Untergrund fester und das vorankommen schneller. Kieselebenen wechseln sich mit gröberen Steinen und mit Sand ab, aber das Fahren bleibt auf einem höheren Geschwindigkeitsniveau als am Vortag. Dann erreichen wir die Überreste eines Dakar-Fahrzeuges. Zwei Portugiesen überlebten hier schwer verletzt einen Unfall. Vom Fahrzeug ist nur noch die Karosserie vorhanden, wie bei allen in der Sahara liegen gebliebenen Fahrzeugen. Alles nur irgendwie noch Brauchbare wurde abgeschraubt. Bei einer Rast hör ich bei Sandras Motorrad etwas zischen. Nähere Untersuchung zeigt, dass der Kühler an einem Anschlussstutzen ein Loch hat und Wasser auf den Auspuff tropft. Aus irgendwelchen Gründen hat sich der Krümmer so verlagert, dass er am Anschlussstutzen ansteht und mit der Zeit dort ein Loch hinein gerieben hat. Regelmässig kontrollieren wir jetzt den Flüssigkeitsstand im Kühlsystem und füllen bei Bedarf nach. Das Tropfen wird schlimmer. Bruno beruhigt. Er hat noch 45 Liter Brauchwasser dabei. Das wird eine Weile reichen. Etwas später am Tag erreichen wir die verlassene Mine Bou Naga. Hier wurden in den 70er Jahren Erdoxide abgebaut. Doch die isolierte Lage und der geringe Ertrag führten zur Aufgabe der Abbaustätte. Heute erinnern nur noch ein umgestürzter Gitterturm und ein paar herumliegende Tanks an die ehemalige Unternehmung. Es wird Abend und Zeit ein Übernachtungsplatz zu suchen. Gleich nachdem wir einen gefunden haben, baue ich Sandras Kati so weit auseinander, dass ich den lecken Kühler abbauen kann. Der Anschlussstutzen wird blank geschmirgelt und eine Lage Kaltmetall aufgebracht. Nach der Aushärtung montiere ich alles wieder und schaffe durch Unterlegen an der Kühlerbefestigung einen Abstand zum Krümmer. Als alles wieder zusammen ist, liegt die Kaltmetallschicht ein wenig am Krümmer an. Wir wollen es trotzdem so probieren. Doch schon beim ersten Halt am nächsten Tag kommen erste Tropfen zum Vorschein. Wir beschliessen, so lange es nicht wirklich schlimm wird, mit Nachfüllen nach Atar zu fahren und dort einen weiteren Reparaturversuch zu starten. Inzwischen nähern wir uns langsam der Berglandschaft von Adrar, die Szenerie wird interessanter. Es gibt immer wieder kleine Dünengebiete zu durchqueren, doch man sieht in der Ferne auch schon Berge. Dann biegt das weichsandige ausgetrocknete Flussbett, in dem wir fahren, in eine Schlucht ein, Palmen stehen hier und da am den Ufern und die ersten Siedlungen tauchen auf. Wir müssen einen Pass hoch und sind auf der Adrar-Hochebene. Mal wieder verlieren sich die Spuren auf dem harten Untergrund fast ganz und sind manchmal nur noch zu erahnen. Das Fahren ist auch nicht die wahre Freude. Grobe Steine mit sandigen Flecken zwischendrin. Und dann, nach einer Ortschaft, die Oujeft sein muss, eine schöne breite, gut angelegte Piste. Auf ihr kommen wir zügig die letzten Kilometer bis zur Teerstrasse, die die Hauptstadt Nouakchott mit Atar verbindet. In Atar ist dann ein Tag Pause auf dem Campingplatz Bab Sahara, der von einem Holländer und einer Deutschen geführt wird, fällig. Wäsche waschen, Luftfilter austauschen und den Kühler reparieren. Dabei gehe ich diesmal etwas radikaler vor. In den Krümmer wird an entsprechender Stelle eine Delle eingeschlagen und die Haltelaschen des Radiators so verbogen, dass er schräg am Motorrad hängt. So entsteht eine Lücke von etwa 10 mm zwischen den Bauteilen. Dann entferne ich das Kaltmetall wieder, reinige die Stelle, drücke einen Blindniet in das Loch und dichte das Ganze mit Zweikomponenten-Kleber ab. Das muss halten. (Und tut es auch.)
Wir beschliessen gemeinsam noch eine weitere Runde in Mauretanien zu machen, bevor es dann Richtung Marokko und Heimat geht. Es soll an den Oasen Chinguetti und Ouadane vorbei zu dem alten Fort El Ghallaouiya gehen und dann nördlich über El Beyyed zurück Richtung Atar. Wieder werden alle Tanks und Wasservorräte aufgefüllt und Brot eingekauft bevor wir uns auf den Weg machen. Bis Ouadane gibt es eine gute schnell zu befahrende Piste. In einer Herberge am Ortsrand trinken wir noch einen Tee bevor wir auf einer schmalen Piste durch den Palmenhain die Oase verlassen. Kaum draussen werden die Spuren immer spärlicher. Doch wir haben unser GPS, das, mit den geladenen Routen, uns den Weg weist. Die Strecke ist schön zu fahren. Weite Ebenen und flache Walrückendünen aus grobem, sehr tragfähigem Sand. Es ist kein Kampf sondern eine Wohltat hier entlang zu gleiten. Doch auf
etwas Angenehmes folgt auch immer etwas Unangenehmes. Wir müssen für mehr als eine Stunde im ersten Gang über ein spurloses Geröllfeld hoppeln bis wir wieder Sand erreichen. Bei den letzten Steinen habe ich das Gefühl, dass die Steine am Vorderrad bis auf die Felge durchschlagen. Und so ist es. Der Reifen ist platt. Und obwohl ich den ganzen Schlauch sorgfältig prüfe, hat der Reifen am nächsten Morgen schon wieder keine Luft mehr. So bekomme ich wieder richtig viel Übung im Flicken. Als das Fort nur noch ein paar Kilometer entfernt ist, stehen wir vor dem Eingang zu einer engen Schlucht in die die Spuren, denen wir seit einiger Zeit folgen, hineinführen. Und schon nach wenigen Metern ist klar: das wird kein Vergnügen. Der Boden der Schlucht besteht aus dieser schönen Mischung aus Sand und grossen Steinen, die wir in Mauretanien schon öfters angetroffen haben und die für uns Motorradfahrer mühsam und anstrengend zu fahren ist. Die Steine, die im Sand versteckt sind, lassen das Motorrad wie ein wildes Pferd unkontrolliert und unvorhersehbar plötzlich nach links oder rechst springen. Es ist schwer die Richtung und auch die Balance zu halten. Das Hinterrad ist im Sand kräftig am drehen, hat also viel Schlupf, und wenn es auf eine Stein trifft, greift es plötzlich und das Moped macht einen Satz nach vorne. Man sitzt also auf diesem Stahlross wie beim Rodeo, ist sehr angespannt und klammert sich mit viel Kraft am Lenker fest. Und wenn es zu wild wird, geht man auch mal zu Boden. Doch auch diese Schlucht liegt dann nach über einer Stunde hinter uns und bald sehen wir in der Ferne El Ghallaouiya. In dem Fort ist ein Militärposten stationiert, was ich auch beim Heranfahren deutlich erkennen kann. Vier grössere, auf den Mauern platzierte, Maschinengewehre und Kanonen ragen in den Himmel. Ausserdem sind vier neu aussehende Geländewagen zu sehen. Der Posten scheint gut ausgerüstet zu sein. Wir erreichen als erstes den Brunnen, wo einige Soldaten am Wäsche waschen sind, andere nur so herum stehen. Als sie uns sehen, kommen gleich einige auf uns zu. Einer scheint ein Vorgesetzter zu sein. Er sagt uns, dass wir hier anhalten sollen und dass wir Wasser auffüllen können, falls wir welches benötigen. Wir fragen nach dem weiteren Weg nach El Beyyed und beantworten ihre Fragen nach dem woher und wohin. Dann frage ich den „Chef“ nach dem Sinn dieses Postens. Um die Gegend für die Touristen sicher zu machen, ist die Antwort. Irgendwie kann ich das nicht so ganz glauben. Sehr viele Touris fahren hier sicher nicht durch. Dafür würde sich so ein Posten nicht rentieren. Aber weiter östlich sind Schmuggler und Banditen unterwegs. Nicht umsonst rät das Auswärtige Amt von einer weiteren Fahrt Richtung Osten ab. Klaus Därr muss hier in der Nähe vor ein paar Jahren überfallen worden sein. Vielleicht sind die Soldaten ja eher aus dem Grund hier stationiert.
Die weitere Fahrt führt am Maquetier entlang, einem Dünengebiet, das sich goldgelb über viele Kilometer in die dunkle Ebene ergiesst. Plötzlich sehe ich in der Ferne ein Fahrzeug, das erste, auf der Strecke seit Ouadane. Als wir näher kommen erkenne ich, dass es steht. Es ist ein riesiger Unimog mit Doppelkabine und Wohncontainer. Das Fahrzeug ist hier gestrandet und der Grund dafür liegt auf der vorderen Stossstange; eine gebrochene Antriebswelle vom Motor zum Getriebe. Und die Leute sind alleine unterwegs. Wir fragen, ob wir irgendwie helfen können. Doch man sagt uns, dass ein anderes Fahrzeug, das vorbei kam schon versprochen hat Hilfe aus Atar zu schicken. Vorräte hat so ein LKW so wie so genügend dabei. Nach der Querung des ausgetrockneten Sees Sebkhet Chemcham nähern wir uns immer mehr Atar. Eigentlich wollten wir gar nicht mehr in die Oase hinein fahren, sondern schon Richtung Choum und Bahnlinie abbiegen und draussen übernachten, aber der Wind hat angefangen zu blasen und wird immer heftiger. Also beschliessen wir uns in den Schutz der Mauern des Zeltplatzes Bab Sahara zu flüchten und am nächsten Tag von dort aus die weitere Fahrt anzutreten.
In der Nacht hat der Wind zwar nachgelassen, doch am Morgen nimmt er dann wieder zu. Wir wollen trotzdem aufbrechen und gehen wieder ans Auffüllen der Reserven, so dass wir in Choum nicht Benzin suchen und teuer aus dem Fass tanken müssen; eine Tankstelle gibt es dort nicht. Ausserhalb von Atar bläst der Wind noch mehr und die Sicht ist schlecht. Vom Pass „Aouinat et Mlis“ aus ist die Ebene unter uns kaum zu sehen. Wird der Untergrund steiniger nimmt der Staub- und Sandgehalt der Luft ab und umgekehrt. So ist auch die Sicht mal besser, mal schlechter. In Choum, einem armseligen Kaff mit ein paar Häusern, biegen wir nach Westen ab und folgen nun immer der Bahnlinie, die in fast gerader Linie bis ans Meer und dann nach Nouadhibou führt. Die Gleise kommen aus dem Norden des Landes, wo in Zouerat Eisenerz abgebaut wird. Dieses wird mit dem ehemals schwersten Zug der Welt zum Verschiffen ans Meer gebracht. Wenn der bis zu drei Kilometer lange, von drei Lokomotiven gezogene Zug vorbeifährt, bebt die Erde unter der Last von bis zu 22000 Tonnen. Unser Glück ist, dass wir ab jetzt Rückenwind haben, was das Fahren nicht so anstrengend macht. Unsere Motoren mögen das nicht ganz so. Kein Fahrtwind zur Kühlung. Als Folge laufen die Ventilatoren hinter den Kühlern fast konstant. Ben Amira, der zweitgrösste Monolith auf der Welt, nach dem Ayers Rock in Australien, taucht auf der anderen Seite der Gleise auf. Doch der Wind nimmt uns die Lust die paar Meter zu ihm herüber zu fahren. Wir betrachten ihn nur von dieser Seite aus. Es wird Abend und wir suchen einen Platz für die Nacht. In der Hoffnung, dass der Wind in der Dämmerung nachlässt und in der Nacht aufhört, was er in der Sahara oft tut, bauen Sandra und ich unser Zelt nicht gleich auf. Wir machen erst einmal alles andere nötige: tanken und essen. Doch wir haben kein Glück. Es bläst unvermindert heftig weiter. Zu zweit haben wir kaum eine Chance das Zelt aufzustellen. Eliane und Bruno kommen uns zu Hilfe und dann auch noch zwei Nomaden, die aus dem Nichts auftauchen und sich an der Aktion beteiligen. Es ist schwer einzuschlafen bei dem Lärm, den das Geflatter der Aussenhaut macht. Ausserdem komme ich mir bei heftigen Böen wie in einer Sandstrahlkammer vor, so prasseln die Sandkörner gegen das Zelt. Viel schlafen kann ich in dieser Nacht nicht und bin froh als es endlich dämmert. Der Wüstengott meint es auch an diesem Tag nicht gut mit uns. Er stellt das Gebläse gegen Mitttag noch eine Stufe höher. Das Fahren wird schwieriger für uns, da man den Boden oft nicht mehr erkennen kann. Blind rollt man in einem milchigen Brei herum und weiss nicht was im nächsten Moment für ein Untergrund unter den Rädern ist. War ich auf der ganzen bisherigen Strecke vorausgefahren, ändern wir jetzt die Reihenfolge und lassen den Geländewagen nach vorne. Bruno macht die schlechte Sicht nicht so viel aus und zudem muss er nur fahren, da Eliane navigiert. Wir müssen jetzt nur noch hinten dran bleiben. Wegen der Sichtverhältnisse bleiben wir nun enger zusammen, so dass wir einander immer sehen. Bruno macht, obwohl Tag, einen Scheinwerfer an, den er hinten am Dach des Wagens montiert hat, und wir schalten unser Fernlicht ein, was uns hilft einander zu erkennen. So fahren wir den ganzen Tag, machen kaum eine Pause und hoffen, dass der Wind nachlässt. Ich überlege schon wie wir die nächste Nacht verbringen werden. Das Zelt kriegen wir nur sehr schwer aufgebaut. Vielleicht legen wir uns auch in voller Montur auf den Boden und wickeln uns nur in den Zeltboden ein. Oder, ich fange an zu rechnen und überschlagen, könnten wir es tatsächlich bis Nouadhibou schaffen? Beim nächsten kurzen Stopp frage ich die anderen, was sie zu der Idee sagen und alle haben schon darüber nachgedacht. Doch es ist eher unwahrscheinlich, dass wir bei Tageslicht dort ankommen werden. Wir beschliessen weiter zu fahren und abzuwarten. Immer wieder bin ich am rechnen und überlegen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang sind wir dann noch 40 Kilometer von der Teerstrasse weg, die in die Stadt führt. Alle sind sich einig. Wir fahren durch, auch wenn es dunkel wird. Und dunkel wird es schneller als Sandra und mir lieb ist. Bruno schaltet alle möglichen Scheinwerfer ein und sieht dadurch was vor ihm ist und wo die Piste weitergeht, hat aber auch Mühe in dem hügeligen Gelände dem richtigen Weg zu finden. Wir, mit dem bescheidenen Licht einer LC4, folgen seinen Rücklichtern und können die Piste mehr erahnen als sehen. Ein etwas heikles Unterfangen. Doch wir bringen die letzten Kilometer sturzfrei hinter uns bis in das an der Strasse liegende Dorf. Und dann ist der Teer da. Wir haben es tatsächlich geschafft. Bruno holt noch den Kompressor raus und pumpt seine Reifen auf. Jetzt habe ich keine Eile mehr. Die 80 Kilometer Asphalt sind kein Problem. Wir werden Nouadhibou erreichen. Nach einem guten Abendessen beim Chinesen neben dem Campingplatz Abba, zu dem wir sogar eine Flasche spanischen Rotwein serviert bekommen, fallen wir dann todmüde in die Schlafsäcke. Was für ein Tag.
In Marokko angekommen, erwartet uns wieder die langweilige Fahrt durch die Westsahara. 1600 Kilometer ereignislose Strasse, auf der es oft bis zum Horizont geradeaus geht. Wir klemmen die A…backen zusammen und geben Gas. Drei Tage später steigen wir in Agadir wieder vom Motorrad und bauen unsere Tuchhütte auf dem Zeltplatz auf. Wir bekommen das letzte freie Plätzchen inmitten von lauter Campern mit Senioren aus Europa, die hier den Winter verbringen. Argwöhnisch werden wir drei Motorradfahrer - Peter, den wir unterwegs getroffen haben, hat sich zu uns gesellt - beäugt. Doch keiner grüsst uns. Am übernächsten Tag wendet sich das Blatt total. Wir werden in die Gemeinschaft integriert. Man redet mit uns, grüsst schon von weitem und der Franzose von nebenan fragt ob wir gerne Fisch hätten, den er gerade frisch vom Hafen geholt hat. Da wir keine Möglichkeit haben ihn zu zubereiten, grillt er ihn uns dann auch noch und füllt den Teller nach der ersten Leerung nochmals.
Nach zwei Tagen Erholung zieht es uns noch ein letztes Mal in die Wüste. Wir fahren schöne, kurvige Strecken durch den Antiatlas, die uns bis auf über 1800m in die Höhe führen. Die grosse Wärme ist damit für diese Reise vorbei. Bei 4°-5° C am Morgen haben wir auch schon wieder Faserpelze an. Doch die Landschaft belohnt uns mit kargen aber schönen Felsformationen in den verschiedensten Braun- und Rottönen. Bei Foum-Zguid biegen Sandra und ich auf die Pisten nach Mhamid ab. Sie ist hart und steinig, doch wir haben keine Eile und hoppeln langsam darüber hinweg. Als wir den ausgetrockneten See Iriki erreichen, wird die Fahrt wesentlich schneller. Auf der weiten glatten Fläche lässt sich bequem 60-70km/h fahren. Gegen Abend erreichen wir die Chegaga-Dünen und biegen von der Piste ab, um einen Übernachtungsplatz zu finden. Der Sand hier ist grob, trägt deshalb gut und es macht Spass darauf zu fahren. Nachdem wir einen schönen Platz mitten in den Sandhügeln gefunden haben, drehe ich noch ein paar Runden durch die Dünen um uns herum. Bald ist wieder Schluss damit und wer weiss wann ich wieder dazu komme. Wir sitzen noch eine Weile draussen, kochen und essen zu Abend, trinken eine Flasche Wein, die wir aus Agadir mit gebracht haben, geniessen die absolute Stille, die einen hören lässt, wie das eigene Blut in den Ohren rauscht und betrachten diesen unglaublich klaren und sternenreichen Nachthimmel, der in der Sahara so faszinierend ist. Später treibt uns die Kälte ins Zelt und in die Schlafsäcke.
An der Source Sacrée, der heiligen Quelle steht eine Gruppe holländischer Motorradfahrer auf einem Hügel. Wir halten an und grüssen. „Hier könnt ihr jetzt nicht weiterfahren,“ sagt der eine zu uns. „Hier kommt gleich die Dakar durch.“ Ja richtig. Die hatten wir ganz vergessen. Und jetzt begegnen wir ihr auch noch. Das wollten wir eigentlich vermeiden. Der, auch wegen der Dakar, hier stationierte Geländewagen der marokkanischen Polizei bekommt über Funk mitgeteilt, dass die Strecke nicht hier entlang führt, sondern ein paar Kilometer weiter südlich verläuft. So ist der Weg für uns wieder frei und wir fahren weiter. In südlicher Richtung ist dem ganzen Horizont entlang eine aufsteigende Staubfahne zu sehen. Dort fährt die Rallye. Plötzlich fällt mir auf, dass die Staubfahne auch vor uns zu sehen ist. Als uns das erste bunte Fahrzeug mit Startnummer entgegen kommt, fallen mir wieder die Touristen ein, die bei der letztjährigen Rallye von einem LKW getötet wurden, als sie an ihrem Motorrad einen Platten flickten. Kurz darauf steht ein Geländewagen neben der Piste und ist am Radwechseln. Sandra und ich stellen uns etwas abseits von ihm an eine Stelle, die gut zu sehen ist. Ein Stück weiter vorne gabelt sich die Piste und geht rechts und links an uns vorbei. Kaum sind wir abgestiegen da kommen weitere Fahrzeuge. Motorräder, Quads , Buggys und Geländewagen. Sie alle haben sich verfahren, denn die richtige Strecke führt nicht hier entlang. So nah wollte ich das Ganze nicht betrachten. Auf beiden Seiten fahren sie an uns vorbei. Manche langsam, suchend, andere schnell, weil sie glauben richtig zu sein. Ein Hubschrauber dreht eine Schleife über uns. Ein Geländewagen macht langsam, schaut mich an und zeigt dann in Richtung Süden. Ich bestätige mit dem Zeigefinger, dort fahren die Anderen. Er hebt dankend den Daumen und braust davon. Ein Motorrad kommt direkt zu Sandra gefahren, die an unseren KTMs steht, und fragt: „Par où?“ - Wo lang? - Auch Sandra zeigt ihm den Weg zur richtigen Route und er dreht den Gashahn auf. Wegweiser wollte ich hier nicht spielen, sondern eigentlich weiterfahren. Als nach einer Stunde die ersten LKWs vorbeifliegen, beschliessen wir noch ein wenig zu warten. Nach zwei Stunden gibt es dann doch grössere Lücken im Strom der Irregeleiteten und wir nützen eine, um uns aus dem Staub zu machen und unserer Route Richtung Westen zu folgen. Die letzten Pistenkilometer bis Mhamid haben es dann noch in sich. Eine total verspurte Weichsandpassage, die uns etwas fordert.
Nach einem kurzen Abstecher zum Erg Chebbi ist der Offroad-Teil dieser Reise endgültig vorbei. Ausserdem möchten wir uns noch die letzte, uns unbekannt, der vier Königsstädte ansehen. In Fes wollen Sandra und ich noch ein wenig ausspannen, den Urlaub ausklingen lassen. Auf dem Weg dorthin führt die Strecke durch den Atlas immer wieder in grosse Höhen. Wir überqueren mehrere Pässe, die um die 2000m hoch sind. Tagsüber, bei Sonnenschein, sind die Temperaturen noch erträglich, doch nach Sonnenuntergang fällt das Thermometer rapide. Das veranlasst uns bei Midelt (auf 1488m) das Zelt im Sack zu lassen und bei einem Hotel am Stadtrand nach einem Zimmer zu fragen. Das Gebäude sieht sehr nobel aus, doch die Preise sind akzeptabel. Und nachdem wir die Motorräder durchs Eingangstor in den Innenhof fahren dürfen, wo sie sicher stehen, beschliessen wir zu bleiben. Das Zimmer hat einen schönen Ausblick auf die schneebedeckten Berge des Atlas und es ist beheizt, welch Wonne. Nach ein bisschen Kleider waschen und einer heissen Dusche gehen wir hinunter, denn das Zimmer ist mit Halbpension und wir wollen essen. Der Ober lässt uns zwischen dem roten, blauen und grünen Speisesaal auswählen und bringt uns die Karte. Wir können zur Vor-, Haupt- und Nachspeise wählen, was immer wir wollen. Das ist ein Angebot. Gut das wir heute noch fast nichts gegessen haben. Schon bei dem Salat wird klar: wir werden nicht hungrig ins Bett gehen. Das Fleisch der Kalbs-Tajine mit Pflaumen und Mandeln zergeht einem auf der Zunge und für das Stück Apfelkuchen finden ich fast keinen Platz mehr. So relativiert sich der Zimmerpreis erst recht.
Fes bietet einen riesigen Souk in dem sich schon so mancher in dem Kreuz und Quer der Gassen verlaufen hat. Stundenlang schlendern wir herum, betrachten die dargebotene Ware, probieren ab und zu etwas von den Speisen aus und verbringen so manche Stunde beim Tee trinken. Auch die Ledergerbereien und –färbereien, die man schon von weitem durch ihren Gestank wahrnimmt, besichtigen wir. Mitten in den Häusern wird hier in kleinen Höfen Leder mit einfachsten Mitteln und unter, für die Menschen, schlechten Bedingungen behandelt.
Und dann ist der letzte Tag in Afrika da. Sandra und ich packen unsere sieben Sachen, schnallen sie auf die Mopeds und machen uns auf den Weg nach Tanger. Die Landschaft wird immer grüner und ich halte um ein Foto zu machen. Sandra fährt schon langsam weiter. Ich will sie später einholen. Nach einer Kurve, es geht leicht bergab und ist schattig, steht sie am Strassenrand und wartet. Ich bremse mit zwei Fingern nur leicht an, um etwas langsamer zu werden, da rutscht mein Vorderrad gleich ein ganzes Stück Richtung Strassenrand. Schnell löse ich die Bremse, fahre jetzt aber auf die Lücke zwischen Sandra und einem betonierten fast einen Meter tiefen Graben zu. Die Räder sind inzwischen beide auf dem Kies am Rand des Asphalts, eine Korrektur der Richtung nicht mehr möglich. Also wieder bremsen und es kommt wie es kommen muss. Die Reifen verlieren die Haftung, ich liege am Boden und am Ende der Rutschpartie räume ich auch noch Sandra ab. Glücklicherweise liege nur ich im Graben, die Kati ist auf der Strasse geblieben. Unverletzt stehen wir Beide da und den Motorrädern ist auch nichts passiert. Nur ein kleiner Schock steckt uns noch in den Gliedern. Ich gehe mir anschauen warum das passiert ist. In Kurven und auf Bergstrecken ist in Marokko oft eine ölige Spur in der Mitte der Fahrbahn, da viele Autos und LKWs beim Bremsen oder Gas geben einen Tropfen Öl verlieren, der unten am Fahrzeug hängt. Hier muss einer aber eine ganze Ölwanne verloren haben. Es ist glatt wie Schmierseife über die ganze Fahrbahnbreite und das war im Schatten nicht zu erkennen. Noch mal Glück gehabt.
Nach einer ruhigen Überfahrt sind wir um 11:30 Uhr in Sete bereit das letzte Stück Heimweg anzutreten. Es ist so warm, dass wir nicht mal die dicken Klamotten anziehen müssen. Als wir am Nachmittag schon in Lyon sind, beschliessen wir durch zu fahren, da Strassenglätte bei den Temperaturen nicht zu erwarten ist. Nach 730 Kilometern steigen wir dann in der Nacht vor unserer Haustür von den KTMs, lassen sie voll bepackt wie sie sind dort stehen und gehen kurz darauf müde in unser Bett.
Vielleicht reisen wir nächsten Winter wo anders hin, aber in Afrika und speziell in der Sahara waren wir sicher nicht das letzte Mal.












































