vor einigen Jahren habe ich eine neue Leidenschaft entdeckt: das Wüstenwandern. Mit jeder Wanderung entstand der Wunsch weiter in die Wüste vorzudringen. Als Wanderer reduzieren sich allerdings die Möglichkeiten, da ein Mensch, je nach körperlicher Konstitution nur ein bestimmtes Gewicht mit sich tragen kann. Letztes Jahr bot mir Stefanie hier aus dem Forum und wohnhaft in der Oase Baharia liebenswerterweise an, Wasserdepots entlang meiner Wanderroute anzulegen, was meinen Aktionsradios erheblich erweiterte.
Ich wollte aber noch einen Schritt weiter. Ich wollte unabhängig sein. Welche Möglichkeiten hätte ich, um ausreichend Versorgungsmöglichkeiten zu haben, ohne dass mich das Gewicht belastet? Es entstand die Idee ein Gefährt zu konstruieren, das die Last für mich transportieren konnte und sich durch die Wüste schieben und ziehen lässt. Es wurde geplant, getüftelt, gebastelt und geschweißt und schließlich getestet, bis die Wüstenkarre aus der Taufe gehoben werden konnte.
Im November 2013 war es dann endlich soweit. Mit der Karre im Flieger flog ich nach Ägypten, um das Wüstenwägelchen unter einsatzmäßigen Bedingungen in der Wüste zu testen. Ich erlebte ein ganz besonderes Abenteuer. Doch lest selbst…
in 11 Tagen…
alleine…
zu Fuß…
220 Kilometer durch die Wüste…
Mit 87 Kilo Gepäck…
Wüstenwandern auf den Spuren libyscher Schmuggler
Die Sonne stand schon dicht im Westen, als wir den letzten Militärcheckpoint vor Siwa erreichten. Ein Maschinengewehr war auf den Bus gerichtet. Zwei Soldaten überprüften die ID Karten jedes einzelnen Passagiers. Ich wurde außen vor gelassen, da ich als Tourist vermutlich als harmlos und ungefährlich eingestuft wurde. Ein Soldat zeigt auf fünf Ägypter und fordert sie auf, aus dem Bus auszusteigen. Sie werden einer genaueren Kontrolle unterzogen. Auch das Gepäck wird aus dem Bus ausgeladen, um es sorgfältig zu durchsuchen. Nach 20 Minuten ist die Kontrolle abgeschlossen und wir setzen die Fahrt in Richtung Siwa fort.
Endstation! Endlich kann ich meine Karre wieder in Empfang nehmen. Ich kenne noch aus den letzten Jahren einen jungen Siwi, der mit seinem Dreiradmoped seine Taxidienste anbietet und mich mit Gepäck zum Palmtree Hotel fährt. Mohamed, der Hotelmanager erkennt mich sofort. Etwas Smalltalk, er fragt, ob ich dieses mal wieder eine Wüstenwanderung unternehme. Ich erkläre ihm mein Vorhaben, das er ohne Skepsis zur Kenntnis nimmt. Er kennt schon diesen verrückten Almani.
Auf dem Zimmer packe ich die Karre sofort aus und prüfe, ob auch noch alle Teile vorhanden sind und keine "Schwund" unterwegs entstanden ist. In 15 Minuten ist die Karre zusammengebaut. Die Deichseln werden mit vier Schrauben und Muttern befestigt. Die Räder auf die Achse gesteckt und mit Schrauben festgezogen, mit denen man auch gleichzeitig die Spur optimal einstellen kann, um so den Rollwiderstand im Sand zu minimieren.
Ohne Wasserkanister keine Wüstenwanderung. Mohamed zeigt mir, in welcher Richtung der Laden liegt, in dem ich drei 20 Liter Wasserkanister erstehen kann. Der Laden hat nur einen Kanister auf Lager. Der Sohn des Ladenbesitzers besorgt den Rest aber innerhalb von 10 Minuten. Zusammen mit einem Pfropfen, der in die Einfüllöffnung gesteckt wird, um den Kanister wirklich dicht zu bekommen und dem Schraubverschluss bezahle ich 37 LE pro Kanister.
Meine Wasserreserven möchte ich auf 36 Liter beschränken. Mein Ziel war es, weit über den 100 Kilometer im Süden von Siwa liegenden Bir Russia oder Bir Russi, wie die Siwi sagen zu wandern. Voraussetzung dafür war, dass der Bir ausreichend Wasser in entsprechender Trinkwasserqualität liefern konnte und ich pro Tag mindest 25 Kilometer zurücklegen würde. Sollte ich am Bir Russia kein Wasser bekommen, könnte ich mit 36 Liter Wasser wieder zurück nach Siwa laufen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass meine Rechnung nicht aufgehen würde und mir die Wasserversorgung fast zum Verhängnis werden würde.
Die Logistik und Versorgung waren komplett. Jetzt war es Zeit, alte Freunde zu besuchen. Leider hatten einige Freunde Siwa verlassen. Daha zog nach dem Tot seines Vaters zurück nach Kairo und Mohamed hatte sich nach Marsa Matruh zurückgezogen, nachdem aufgrund der ausbleibenden Touristen die Geschäfte in seinem Teehaus immer schlechter liefen. Nur Abdul traf ich noch in Siwa an. Ich erkläre ihm mein Vorhaben und frage ihn nach der Sicherheitslage. Abdul schüttelt nur den Kopf und meint, dass mein Vorhaben viel zu gefährlich sei. Es gäbe viele Schmuggler aus Libyen und aus dem Sudan, die nachts unbeleuchtet durch die Wüste fuhren. Mit einigen wäre nicht zu spaßen und würden mit auf ihren Pick Ups montierten Maschinengewehren durch die Dunkelheit fahren. Es könnte gut sein, dass ich plötzlich von Schmuggler oder Banditen umstellt sei und im günstigsten Falle mein Leben behalten würde. Selbst die Guides würden mit den Touristen nicht mehr draußen in der Wüste übernachten, da es zu gefährlich sei. Zusätzlich fährt das Militär Patrolien in der Wüste und es besteht die Gefahr, dass ich ihnen in die Hände laufen könnte. Abdul empfiehlt mir nur Tagesausflüge in unmittelbarer Nähe der Oase und fern von der libyschen Grenze zu unternehmen.
Die Nachrichten waren enttäuschend, ja sie waren niederschmetternd. Was sollte ich tun? Die ganze Vorbereitung umsonst? All die Mühen für nichts?
Ich hatte seit dem Flug nichts Vernünftiges mehr gegessen und suchte erst einmal Mahmuts Restaurant auf, das sich im zweiten Stock auf dem Dach befindet und freie Sicht auf die Oase bietet. Mit gesättigtem Magen lässt es sich wesentlich leichter nachdenken.
Die Entscheidung ist relativ schnell getroffen. Ich habe nicht den Kontinent gewechselt, um so einfach aufzugeben. Ich beschließe, das Risiko einzugehen. Zuviel Herzblut hatte ich in diese Reise investiert. Es gab kein zurück mehr.
Der Verlauf der Wanderung:

04:30 Uhr: Ich belade die Karre. Den Verpackungskarton als Unterlage, darauf die Wasserkanister und Rucksack. Durch die Deichselenden und die Schlaufen meiner Jeans fädele ich den Gurt, spanne in straff und verknote in vor meinem Bauch. Und los geht es in Richtung Süden.

Die ersten 3,5 Kilometer auf Teerstrasse, die dann in eine in die Wüste geschobene Piste übergeht sind einfach. Ich versuche verschiedene Schub- und Ziehtechniken. Irgendwann stoße ich auf den ersten Sand, der dann immer weicher wird. Es wird immer schwieriger, die Karre zu ziehen und entschließe mich, den Rucksack selbst zu tragen, was zunächst das Laufen erleichtert. Die Weichsandebene steigt nun etwas an und die Anstrengungen werden immer größer. Ich bin froh, dass die Sonne noch nicht am Horizont steht und ich noch den Vorteil der kühlen Nacht auf meiner Seite habe.


Als es durch die Doppelbelastung Rucksack tragen und Karre ziehen immer anstrengender wird, lege ich eine kurze Pause ein und überlege, was ich verbessern könnte, um die Anstrengung zu reduzieren. Ich begann, das Gewicht auf der Karre anders zu verteilen. Das meiste Gewicht legte ich hinter bzw. auf die Achse. Gleich dahinter wieder den Rucksack. Ich hatte nun weniger Gewicht auf den Deichseln, was meine Anstrengungen, besonders im Hüft- und Rückenbereich deutlich reduzierte.

Die ersten Gehversuche hatte ich nun hinter mir. Die Sonne versuchte im Osten den Horizont zu erglimmen. Zeit für ein erstes Frühstück, das aus einem "Powerriegel", einem Riegel aus Nahrungskonzentrat und einer Portion Peronin, dass ich im Wasser aufgelöst hatte.

Der weiche Sandboden weicht nun einem etwas härteren Untergrund, was mir als Zugpferd gut entgegenkommt. Die Räder sinken nicht mehr ein und ich komme ohne mühe schneller vorwärts. Allerdings nur für einige Kilometer, da mir dann die ersten kleinen Dünen den Weg versperren.

Den ersten Schatten nutze ich für eine kurze Pause.



Obwohl ich konditionell keine Probleme bemerke setzten gegen Mittag Krämpfe im linken Oberschenkel ein. Dazu an gleicher Stelle Knochenschmerzen. Die Krämpfe entwickeln eine Heftigkeit, die mich zu einer Zwangspause veranlassen. Die Sonne steht eh schon fast am höchsten Punkt und es gibt wieder verschiedene Nahrungskonzentrate und Magnesium gegen die Krämpfe. Es waren die einzigen während dieser Wanderung. Anscheinend musste sich mein Körper erst auf die ungewohnten Bewegungsabläufe einstellen.

































