Mia hat geschrieben:Bitte, bitte Alexander schreibe weiter und zeige Deine Bilder
Ok Mia, weil heute Sonntag ist gleich noch einer
Begegnungen
Wie jeden Morgen geht es früh aus den Federn bzw. aus dem Schlafsack. Der Mond nahm immer mehr ab und er würde mir nur noch für drei Tage zusätzliches Licht geben, was mir einen frühen Start erlauben würde. Danach wäre wieder Neumond. Das heutige Highlight: Auffinden des ersten Wasserdepots. Wird es klappen, werde ich es finden? Wo und wie hat Mohammed den Kanister versteckt? In 10 Kilometern würde ich mehr wissen.
Heute geht es besonders gut voran. Der Rucksack ist leicht, denn alle Wasserflaschen sind leer. Nur meine drei Feldflaschen sind bis zum Rand gefüllt. Sollten sie zumindestens.

Eine Feldflasche, wie sie die US Army verwendet fühlt sich sehr leicht an. Zu leicht. Ich bemerke, dass der Deckel der Flasche einen Riß hat und aus der Flasche fast alles Wasser gelaufen war. Was war das Problem? Dreht man den Deckel der Feldflasche zu fest zu, sprengt es einfach den Deckel. Das Flaschenhalsgewinde ist zu lang und man läuft Gefahr, dass man den Deckel zu fest anzieht. Das ist hier geschehen. Der Deckel war nun ohne den oberen abschliessenden Teil. Um die Flasche dicht zu bekommen, legte ich eine mehrfach gefaltete Plastikfolie auf den Flaschenhals und drehte dann den Verschluss darüber. Die Flasche war wieder dicht und ich konnte sie weiterhin nutzen.
Das erste Wasserdepot, gefunden ohne Probleme. Mohammed hatte präzise gearbeitet. Die Koordinaten stimmten fast auf den Meter genau. Mohammed hatte den 10 Liter Kanister in eine Einbuchtung eines kleinen Hügels gestellt und ihn mit Steinen und Steinplatten verschlossen. Damit ich das Versteck besser erkenne, hatte Mohammed die Hauptsteinplatte mit der Rückseite nach Aussen gestellt. Alle Felsen und Steine sind hier grau. Die Rückseite der Steinplatte war aber braun. Für jemanden, der die Augen offen hält und einen Blick für die Natur besitzt ist es leicht, den Unterschied zu erkennen.
Das Wasser ist klar und frisch. Ich lasse es mir nicht nehmen, den einen oder anderen tiefen Schluck direkt aus dem Kanister zu nehmen. Für die Flaschen war immer noch genu da. Nachdem ich meine Wasservorräte ergänzt hatte, versteckte ich den Kanister wieder so, wie es Mohammed getan hatte. Der Rucksack war nun wieder sechs Kilo schwerer, was sich beim Tragen des Gewichtes deutlich bemerkbar machte. Nicht nur der Körper leidet unter dem Gewicht. Am Rucksack bricht eine Kunststoffschnalle an einem der Träger, mit der man die Länge des Trägers verstellen kann. Ich verknote kurzerhand den unteren und oberen Teil des Trägers und löse damit das Problem.
Aufgrund des wieder angewachsenen Gewichts lege ich wieder häufiger Pausen ein. Die Sonne scheint warm, aber der Wind, der heute ständig bläst, verschafft etwas Kühlung. Seit fünf Tagen weht der Wind aus nördlichen Richtungen. Das hat zwar den Vorteil, dass ich nicht gegen heftige Windboen, soweit sie auftreten ankämpfen muss. Der Wind wird aber durch den Rucksack abgeblockt, sodass ich den erfrischenden Wind nur spüre, wenn ich mich umdrehe und in den Wind stelle.
Manchmal, mit etwas Glück, gibt es Schatten. Auch wenn es sich dabei nur um eine von unbekannten errichtete Steinmarkierung handelt.
Weit von mir, in etwas 1,5 - 2 Kilometer Entfernung erkenne ich ein Fahrzeug, einen Geländewagen. Als er auch mich erkannt hatte, steuert er direkt auf mich zu. Es handelte sich dabei um einen lokalen Führer, der Touristen durch die Wüste fährt. Das Fahrzeug hält an.
Frage des Beifahrers:
Are you lost? Meine Antwort: No!
Why are you doing this? Ich versuchte gerade, mir eine Erklärung zurechtzulegen, als gekichere aus dem Fahrzeuginneren herausdröhnt. Drei junge Frauen amüsierten sich offensichtlich über mich, diesen komischen Wüstenwanderer. Über diese Unterbrechung war ich aber ganz dankbar, denn ich hatte in diesem Moment keine grosse Lust, über Sinn und Unsinn des Wüstenwanderns zu philosophieren. Der Beifahrer war aber offensichtlich noch nicht zufrieden, sodass er seine Fragerei fortsetzte:
Do you have telephone? - Yes
Do you have GPS? - Yes
Do you need food? - No
Do you need water? - No
Meine Antworten konnten seine Skepsis im höchstenfalle etwas besänftigen. Ausräumen konnte ich sie wahrscheinlich nicht. Er stellte keine weiteren Fragen mehr. Dafür drang immer mehr gekichere aus dem Hinterteil des Fahrzeuges. Wir verabschiedeten uns und der Wagen setzte seine Fahr fort. Dies war übrigens die einzige Begegnung während meiner Wanderung. Ich bin zwar nicht gerade eine menschenscheue Person. Ich war aber darüber froh, für mich alleine bleiben zu können.
Manchmal gibt es Schatten. Aber nicht immer passt man darunter
Die letzten fünf bis sechs Kilometer eines jeden Tages nehmen kein Ende. Es sind die schwersten Kilometer. Besonders, wenn der Rucksack wieder gefüllt ist. Immer wieder schaue ich auf das GPS und ich kann es nicht glauben, dass ich seit dem letzten Mal gerade 500 oder 600 Meter geschafft habe. Häufig bleibt auch am Anbend kurz der Wind weg oder es gibt keinen Schatten, in dem man sich kurz ausruhen könnte. Jeden Abend die gleiche Tortur. Die Füsse schmerzen, der Rücken schmerzt. Aber es muss weiter gehen. Es gibt keine Aufgabe! Irgendwann erreiche ich mein Tagesziel. 20 Kilometer sind das Minimum. Es gibt aber auch Tage, an denen schaffe ich 22 oder 23 Kilometer.
Wenn ich dann den Rucksack absetzen und die Matte ausbreiten kann, dann weiss ich, für heute ist es geschafft. Zunächst errichte ich mein Nachtlager. Eine gewisse Routine hat sich schon entwickelt. Feldflaschen für den nächsten Tag auffüllen, mein abendliches Lebenszeichen an Stefanie per Satelliten Telefon, heute sind es sogar zwei Signale an Stefanie, da ich heute das Wasserdepot gefunden hatte. Danach lege ich gleich die grobe Marschrichtung für den nächsten Tag fest, damit ich im Dunkeln nicht lange suchen muss. Ich führe jeden Tag ein Tagebuch, in dem ich Ereignisse und meine Gedanken festhalte. Danach erkundige ich noch etwas die Umgebung, sofern es meine Füsse zulassen. Ansonsten ziehe ich einfach meine Wanderschuhe aus und liege da, lasse meinen Blick über die endlosen Sandeben gleiten. Ich bin alleine mit mir und meinem Gedanken, was mir eine tiefe Zufriedenheit gibt.
Fortsetzung folgt