Der großartige Animationsfilm zeigt den Libanon-Krieg als traumatische Erinnerung israelischer Soldaten
Film des Regisseurs Ari Folman
Israel / Deutschland / Frankreich 2008 - 90 min. Kinostart: 06.11.2008
Die Geschichte beginnt in einer Bar. Boaz erzählt seinem Freund Ari (Regisseur Ari Folman) von einem Albtraum, der ihn jede Nacht heimsucht. 26 Hunde sind ihm auf den Fersen und wollen ihn zerfleischen. Als sie ihn stellen, wacht er in letzter Sekunde auf. Die beiden Männer kommen zu dem Schluss, dass Baoz im Traum seine Erlebnisse des Ersten Libanon-Feldzuges aufarbeitet. Da er sich damals nicht traute, auf Soldaten zu schießen, wurde ihm die Tötung der Dorfhunde befohlen. Deren Geister verfolgen ihn nun im Schlaf - und das jede verdammte Nacht. Was Ari am meisten erstaunt: auch er war mit Boaz als israelischer Soldat im Krieg, kann sich aber kaum an die Vorkommnisse erinnern. Um seine Gedächtnislücke zu schließen, begibt er sich auf eine Reise zu alten Freunden und Kameraden. In Interviews will er herausfinden, was damals wirklich geschah und warum er diese Zeit so lange und so erfolgreich verdrängen konnte. Langsam kommen die Bilder wieder, allerdings in surrealer Form. Die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen. Ist das die einzige Möglichkeit, mit den Erinnerungen an das sinnlose Morden weiterleben zu können?
Ari Folman hat mit "Waltz with Bashir" ein neues Genre geschaffen: den animierten Dokumentarfilm. Interviews bilden das Grundgerüst für eine konventionell gefilmte und geschnittene Dokumentation, deren Bilder dann in einem zweiten Schritt durch Klassische-, Flash- und 3D-Animation ersetzt wurden. Neben dem Kostenfaktor sprach ein weiterer Vorteil für diese Art der Umsetzung. Von Animationsfilmen fühlen sich vor allem junge Leute angesprochen, und an die richtet sich die Botschaft des Films: Jeder Krieg ist grausam und sinnlos, also lasst euch da nicht hineinziehen! Um die grausame Realität des Krieges zu visualisieren, enthält der Film einen formalen Bruch. Am Ende wird die Animation von eingespieltem Archivmaterial ersetzt. Folman wollte "einfach nicht, dass das Publikum aus dem Kino spaziert und sagt: 'Das ist ein netter Animationsfilm." Die coole Musik von Max Richter passt optimal zu den lakonischen Bildern, die an die Krimis der 1960er Jahre erinnern.
Mit der Erinnerung leben! Ari Folman versucht genau das: Mittels seines neuen Films will er endlich seine Erinnerung zurück, um mit der Vergangenheit abschließen zu können.
Interview mit Ari Folman
„In Deutschland gibt es Zensur“ 16.11.2008 - Kölner Stadt-Anzeiger
Er hat den ersten Libanonkrieg und die Massaker von Sabra und Shatila mit Mitteln der Animation dargestellt. Im Interview spricht Regisseur Ari Folman über den Krieg, seinen Film „Waltz with Bashir” - und unerwartete Reaktionen ... mehr
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Normalerweise läuft's ja umgekehrt: Es gibt einen Comic, vorzugsweise aus dem Hause Marvel, und der wird dann actionreich verfilmt. "Waltz with Bashir" hingegen war zunächst ein Film. Erst infolge dessen großen Erfolgs legen Regisseur Ari Foman und sein Chefillustrator David Polonsky nun den gleichnamigen Graphic Novel vor, in dem Folman seine Erinnerungen an den Libanonkrieg verarbeitet.
Doch nicht nur in dieser Hinsicht ist "Waltz with Bashir" ein spezielles Buch: Seine in Tarnfarben gehaltenen Bilder kombinieren die Besonderheiten des Mediums Film mit denen einer gezeichneten Geschichte. So gibt es krasse Zooms auf Gesichter sowie Tiefen- und Bewegungsunschärfen - das alles aber im Rahmen statischer Zeichnungen, auf denen man viel mehr Details erkennen kann, als es bei einem bewegten Bild möglich wäre. Die Gelegenheit zum Innehalten, zum Vor- und Zurückblättern ist dann auch der größte Vorteil gegenüber dem Film. Ansonsten nämlich gilt: Lieber die DVD angucken. Denn 90 Filmminuten lassen sich nicht ohne Verluste in 120 Buchseiten pressen. Verluste nicht nur inhaltlicher Fülle, sondern irgendwie auch an Intensität, Bedrohlich- und Wuchtigkeit. (jul)