Sonntagsblick.ch hat geschrieben:
© Sonntagsblick; 19.04.2009; Seite m16
FATA MORGANA GANZ REAL
Der algerisch-schweizerische Regisseur Mohammed Soudani hat geschafft, wovon andere Filmemacher nur träumen können: Mit Bruno Ganz lotste er einen Weltstar mitten in die Sahara – für seinen neuen Film «Taxiphone»
Der Mann im schwarzen Mantel, mit dem blauen Touareg-Schal um den Hals legt den Hörer auf, verlässt die Telefonkabine, dreht sich um. Und Elena, der jungen Schweizerin, fallen fast die Augen aus dem Kopf: «Das ist ja ... ja, das ist Bruno Ganz! Der Weltstar. Was macht der hier, mitten in der Wüste?
Schnitt. Wir sind in Taghit, einer kleinen Oase im Südwesten Algeriens. Gemäss Drehbuch hat Bruno Ganz nur zwei, drei Sätzchen zu sagen. Und dafür ist er nach Algier geflogen, weiter nach Bechar mitten in der Sahara und von da zwei Stunden im Geländewagen in die Oase Taghit. Eine Woche hat er in dem staubigen Wüstenkaff ausgeharrt, sich im einzigen Hotel an das miserable Essen gewöhnt, hat gewartet, auf Kamelrücken die Dünen der Umgebung erkundet und wieder gewartet, bis endlich seine Szene auf dem Drehplan stand.
Warum tut ein Weltstar sich das an? «Die Reise war wunderbar», sagt er. «Ich bin einfach glücklich, Algerien endlich einmal kennenzulernen.» Dazu gehört auch ein Besuch des Hauses vom algerisch-französischen Schriftsteller Albert Camus (1913–1960) in Algier. Und dazu gehört das «fantastische Erlebnis der unendlichen Sandweiten».
Eine Freundschaft hat den Schweizer Schauspieler, der als abgründiger Hitler-Darsteller («Der Untergang») ebenso brillierte wie als anrührender Grossvater in «Vitus», in die Wüste gelotst: Bei den Dreharbeiten für «Pane e tulipani» traf er auf die Filmproduzentin Tiziana Soudani und deren Ehemann Mohammed. «Ich schätze beide sehr», sagt Ganz. «Und Mohammed, den hier alle Dani nennen, ist so unglaublich lustig.» Auch Jean-Luc Bideau, Altmeister des Westschweizer Kinos und zweiter grosser Star auf dem Set in Taghit, liess sich vom Charme Soudanis verführen – genauso wie die Jungstars, die in «Taxiphone» die Hauptrollen spielen.
«Ich habe selten einen Menschen von derart überbordender Vitalität gesehen wie Dani», sagt Pasquale Aleardi, 38. «Ich habe ihm gleich beim ersten Treffen zugesagt.» Und Mona Petri, 32, schiebt nach: «Soudani ist verrückt, im besten Sinn des Wortes.»
Der gebürtige Schweizer Aleardi lebt seit sieben Jahren in Berlin und eilt in deutschen TV-Produktionen von Erfolg zu Erfolg. Er und Petri, Zürcher Schauspielerin und Enkelin von Anne-Marie Blanc, spielen ein Touristenpärchen aus der Schweiz, das quer durch die Sahara ins sagenumwobene Timbuktu reisen will. Bis ihr Gefährt in der Oase Taghit den Geist aufgibt.
Er will um jeden Preis die Reise fortsetzen, sie lässt sich mehr und mehr von der Atmosphäre der Oase im Süden Algeriens verzaubern. Er freundet sich mit Jean-Luc Bideau an, im Film ein abgewrackter Fremdenlegionär, der in der Wüste seine Erinnerungen vergessen will. Und sie verliebt sich schliesslich in den jungen Touareg, der in Taghit das «Taxiphone» betreibt, den kleinen Laden, wo gegen Gebühr telefoniert werden kann und wo sich die Fremden, Gestrandeten und Einsamen der Oase treffen.
«Ich will Vorurteile zum Einsturz bringen, indem ich den Reichtum der Menschen des Südens zeige», erklärt Mohammed Soudani. «Elena, die junge Frau aus der Schweiz, entdeckt ein ganzes Universum, von dessen Existenz sie keine Ahnung hatte – und beginnt sich zu fragen, wer sie selber eigentlich ist.»
Soudani ist nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern insgeheim auch das Thema des Films: Elenas Selbstfindungsreise in den Süden ist dieselbe Reise, die er vor Jahren absolviert hat – in umgekehrter Richtung. Er wurde in Südalgerien als Schwarzer geboren und erlebte als Angehöriger der ungeliebten Minderheit Vorurteile früh am eigenen Leib. Als talentierter Jungfussballer wurde er vor Jahren vom FC Lugano entdeckt und in die Schweiz geholt. Danach wurde er Kameramann und Regisseur. In «Waalo Fendo», seinem ersten Spielfilm, zeigte er die Geschichte eines schwarzafrikanischen Strassenhändlers, der in Italien von Rassisten ermordet wird. Und gewann damit 1998 gleich den Schweizer Filmpreis. Mit «Taxiphone» kehrt er nun zu seinen Quellen zurück.
Und hier bewegt sich «Dani» wie ein Fisch im Wasser: Fliessend wechselt er vom Italienischen ins Französische, Arabische oder Schwiizerdütsch, wenn er seine Equipe dirigiert – immer mit einem Witz oder einem netten Wort. Von der mühseligen Vorarbeit für den Film ist nichts mehr zu spüren.
Dreimal lehnte der Bund die Förderung des Projekts ab. Erst als sich Soudanis Frau Tiziana an das algerische Fernsehen wandte und auch das Tessiner TV einstieg, kam das Produktionsbudget von 1,3 Millionen Euro zusammen.
Dann die Strapazen der Dreharbeiten: Sintflutartige Regenfälle überschwemmten im Oktober die Palmengärten von Taghit, unterbrachen Strassen und kappten den Strom. Der Dreh musste unterbrochen werden. Nicht zu reden von den technischen Problemen in der Wüste, defekten Fahrzeugen und Generatoren; oder der heimtückischen Augenentzündung, die Mona Petri plagte. Dazu kamen nach wochenlangem Ausharren in der Einöde und nächtelangen Drehs in der Kälte Müdigkeit und die unvermeidlichen Spannungen im Team.
Und natürlich die ungewohnte Umwelt. «Wenn du hier ankommst», erzählt Michella Pici, Produktionsassistentin aus dem Tessin, «merkst du sofort, dass man in einem völlig anderen Rhythmus lebt. Sich aufregen nützt nichts, wenn du dich nicht anpasst, wirst du verrückt. Am Schluss funktionierts dann doch, inschallah!» Und langsam fassten auch die Einheimischen Vertrauen zu den Fremden, die sich von dem seltsamen schwarzen Chef herumkommandieren liessen. Schliesslich stellten sich sogar die Frauen mit ihrem ganzen Schmuck und den traditionellen Gewändern vor die Kamera. Und Saïda, eine von ihnen, freut sich: «Ich finde das wunderbar, mal etwas Neues. Und», sagt sie, «so viele Arbeitsplätze gibts hier ja nicht.»
Und Bruno Ganz? Er bezahlt für sein Telefongespräch, wechselt ein paar Worte mit dem jungen «Taxiphone»-Besitzer, zieht den Schal enger um den Hals und verlässt den kleinen Laden. Elena, die junge Schweizerin, schaut ihm mit ungläubigen Augen nach. War das nun Realität oder eine Fata Morgana? Die Antwort folgt nächsten Herbst im Kino.
STAR IM MEER AUS SAND
Auf dem Kamelrücken erkundet Bruno Ganz die Dünenlandschaft rund um die Oase Taghit. Insgesamt eine Woche lang harrt der Weltstar in der Wüste aus, bis sein Kurzauftritt im Kasten ist
GESTRANDET IN DER SAHARA
Pasquale Aleardi spielt nach seinem Auftritt in «Grounding» in «Taxiphone» einen jungen Schweizer Touristen, der nach einer Autopanne in einer gottverlassenen Oase festsitzt
ANRUF AUS DER OASE
Neben Bruno Ganz spielt mit Jean-Luc Bideau (r.) auch der Altmeister des Westschweizer Films mit
DREH UNTER POLIZEISCHUTZ
Regisseur Mohammed «Dani» Soudanis (hinter der Kamera) neuer Film entsteht unter erschwerten Umständen: Nachts löst empfindliche Kälte die brennende Sonne ab. Die Zürcher Schauspielerin Mona Petri wartet warm eingepackt auf ihren nächsten Einsatz. Die algerische Polizei ist auf dem Set ständig präsent – aus Angst vor Terroristen
© Sonntagsblick; 19.04.2009; Seite m16
Besten Dank an Heinrich für die Zusendung des Zeitungsartikels.