Kuno hat geschrieben:Ich habe bewusst einen etwas aggresiven, negativen Titel fuer dieses Thema gewaehlt. "Keine Chance" haben wir ja auch gesagt, als es darum ging, Mubarak loszuwerden...
Aegypten? Keine Chance!
Diese Worte halte ich mir auch ständig vor Augen. Allerdings steht bei mir hinter dem Wort Chance ein Fragezeichen.
die Aegypter hatten mehr drauf als wir ihnen zugetraut hatten.
Ich würde da etwas unterscheiden zwischen dem ägyptischen Volk und der (prä oder post Mubarak) ägyptischen Regierung.
Ja, das ägyptische Volk hatte wirklich was drauf. Es hatte die, ich drücke es mal populär aus, die Schnauze voll und haben sich durchgesetzt. Mubarak ist weg. Aber was hat sich geändert? Hat sich wirklich etwas signifikant geändert oder sind es nur Zuckerbrote, die dem Volk hingeworfen werden, um es zu besänftigen? Und bestehen die alten Seilschaften immer noch?
Welche Freiheiten hat das Volk wirklich gewonnen? Die Einschränkungen der Versammlungsfreiheit sind vom Miliär immer noch nicht aufgehoben. Demonstrationen werden immer noch gewaltsam beendet.
Stefanie hat geschrieben:Hi Alexander,
es sind in der Tat jede Menge Veraenderungen. Nicht alle sind im Moment "gluecklich" (zB. die Ernennung diverser Gouverneure mit Vorgeschichte, doch an sich war der Austausch sehr wichtig ind gut! Aenderungen sieht man auch sehr gut in der Medienlandschaft: eine nicht zu vergleichende Vielfalt an Informationen... . Das Auffalendste ist allerdings, dass sich die meisten Menschen befreit fuehlen! Ich habe noch nie mit so vielen Leuten ueber Politik im weiteren Sinn gesprochen. Dabei geht es mir nicht um die Inhalte - es geht darum, dass die Menschen sich trauen, Stellung zu beziehen! Etwas, was frueher nie denkbar gewesen waere: ich sprach mit recht hohen Militaers, Polizisten, Kopten und natuerlich Moslems...jeder hat seine Probleme und Ansichten - und spricht darueber!
Es werden fast taeglich Menschen angeklagt, vor Gericht gestellt...Manchmal nicht die, die "das Volk" im Moment moechte...doch immerhin! Stueck fuer Stueck werden Altlasten abgebaut, was leider auch an manchen Stellen fuer etwas Chaos sorgt. So sind die Stadtverwaltungen manchmal fast handlungsunfaehig, weil alle abwarten, ob und wann sie auch ausgetauscht werden...
Manchmal verbringe ich Stunden im Netz, nur um die Neuigkeiten zu lesen. Trotzdem komme ich nicht mit - es passiert soooo viel!
Und der Satz, den ich in den letzten Wochen am meisten gehoert habe ist: Nach dem 25. Januar ist alles anders! (Allein der Glaube daran gibt vielen Kraft!)
Das sind die Veränderungen, wie sie Stefanie erlebt und ich hoffe, dass es nicht nur die kleinen Veränderungen sind, von denen sie berichten wird.
Kuno hat geschrieben:
Aber nun sind sie Mubarak los und die Probleme sind nach wie vor da. Sein Vermoegen wurde nicht auf die Bevoelkerung verteilt, das Militaer kontrolliert noch immer alles.
Eine Verteilung des Vermögens and die Bevölkerung sehe ich als unrealistisch. Was sind die Kriterien, welchen Promillesatz bekommt jeder? Das Geld sollte meines Erachtens vernünftig in die Wirtschaft investiert werden, damit Arbeitsplätze schaffen. Damit wird dem ägyptischen Volk langfristig mehr geholfen, als kurzfristig das Volk finanziell zufrieden zu stellen.
Richtig: Die Probleme sind nach wie vor da und sie werden m.E. auch noch nicht so schnell gelöst werden.
Zunächst muss mit der Mubarak Area abgeschlossen werden. Gerechte Urteile müssen gefällt und vollstreckt werden.
Die ersten Wahlen müssen ohne Zwischenfälle und Manipulationen ablaufen. Die neue Führung muss das Vertrauen der Bevölkerung verdienen und das Volk muss der Führung vertrauen können.
Das wird der schwierigste und der längste Schritt werden. Erst danach wird man zur eigentlichen Tagesordnung übergehen können.
- Die Bevoelkerungsexplosion droht Aegypten zu ersticken. Was kann man dagegen tun?
Das Problem ist nicht die Bevölkerungsexplosion (Ägypten ist ein grosses Land) sondern die Tatsache, dass zu viele Menschen auf engstem Raum leben (z.B Kairo) Ägypten hat eine Bevölkerungsdichte von 80,4/qm, die Schweiz 184,7/qm.
Die ägyptische Regierung muss Anreize schaffen (Zuschüsse, Arbeitsplätze, Infrastruktur) um die Bevölkerung zur Abwanderung in andere Gebiete zu überzeugen.
- Die Landwirtschaft wird immer problematischr. Versalzung der Boeden. Wasserknappheit.
Wasser ist (noch) genügend vorhanden. Die Art und Weise, wie mit dem Wasser umgegangen wird, ist ein Problem.
Ob Nilnebenarm oder der Oasenbach in Siwa. Sie werden als Müllhalden verwendet. Altöl und Chemikalien werdne in das Wasser eingeleitet. Die Art und Weise der Bewässerung sollte überdacht werden. Es nützt nichts, wenn ein grosser Teil des Wassers beim Bewässern verdunstet.
- ET muss landwirtschaftliche Erzeugnisse exportieren um Devisen zu bekommen. Das Geuese koennten sie aber selber auch brauchen.
Ägypten kann die landwirtschaftlichen Erträge durch Optimierung der Bewässerungstechniken steigern und zwar so, dass keine nachhaltige Versalzung des Bodens eintritt. Somit können landwirtschaftliche Produkte exportiert und für den heimischen Verbrauch angebaut werden. Aufgrund des Klimas kann Ägypten mehrere Ernten im Jahr einfahren. Parallel mit einer besser laufenden Wirtschaft (ich vermeide das Wort "florierend", davon ist Ägypten noch weit entfernt) und den daraus erzielten Deviseneinnahmen lässt sich eine ausgewogene Agrarwirtschaft betreiben, für den eigenen und für den Fremdbedarf
- Neu erschlossene Gebiete in der Wueste sind voellig vom Nilwasser abhaengig. Wie lange geht das noch gut?
Nicht das Nilwasser ist das derzeitige Problem sondern die Art und Weise des Wassertransports und der Bewässerung.
Bis das Nilwasser durch die angelegten Kanäle in die neugeschaffenen Anbaugebiete gelangt, sind zigtausend Kubikmeter verdunstet. Vernünftige Wasserwege (unterirdisch, abgedeckt) würde hier Abhilfe schaffen.
- Die suedlichen Nachbarn wollen einen viel hoeheren Anteil vom Nilwasser abzweigen als sie das heute tun. Und sie werden es tun.
Soweit ich mich erinnern kann, hat sich Ägypten und die südlichen Länder geeinigt. Finde den Beitrag gerade nicht. Inwieweit sich diese Einigung hält ist abzuwarten.
- Aufgrund der kommenden Wasserknappheit wird Aegypten nicht nur im Inneren mit Unruhen zu kaempfen haben sondern eventuell bald einmal militaerisch gegen die Nachbarn im Sueden vorgehen muessen.
siehe vorherige Punkte. Das Problem, was ich sehe, ist die Verschlammung des Nassr Sees. Der fruchtbare Schlamm, der sich seit dem Bau des Staudamms angesammelt hat, kann trotz Bemühungen nicht aufgehalten werden.
- Der Friede mit Israel koennte von Aegypten bald ienmal gebrochen werden. Fuer die US wird sich dann die Frage stellen, welchen ihrer Verbuendeten sie sich weiterhin halten wollen - ich tippe nicht auf Aegypten.
Ich tippe auch nicht auf Ägypten. Ich hoffe aber, dass Israel während den Wahlen nicht zu sehr als Schuldenbock herhalten muss. Zuviel Hetze gegen den Nachbarn könnte die Stimmung noch mehr anheizen. Ich baue hier auf nie Vernunft beider Länder. Der Eine kann ohne den Anderen nicht auskommen. Gemeinsam könnten sie für Stabilität im Nahen Osten sorgen.
Grüsse
Alexander