Tunesien nach der Revolution

Kultur, Natur, Unterkunft, Reiserouten, Sehenswürdigkeiten, Tourismus Staaten: Marokko/Sahara, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten.

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Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Wer ein wenig in der Verfassung schmökern mag:

http://www.marsad.tn/fr/constitution

Man merkt, dass man sich mit mancher Formulierung schwer getan hat.
Besonders dem vieldiskutierten Artikel 6 ist anzumerken - wenn man genau liest - dass man sich nicht wirklich einig war und als Kompromiss für alle was reingeschrieben hat.

Wollen wir hoffen, dass sich alle politischen Kräfte auch in Zukunft hinter diese Verfassung stellen.
Kuno
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Waehrend die einen unbegruendet den Panikknopf druecken ("Sicherheitshinweis Tunesien Betreff Entführung vom 12.2.") und die meisten anderen Touristen nichts aussergewoehnliches bemerken laeuft im Hintergrund doch einiges in Tunesien. Von Donnerstag auf Freitag hat die Armee anscheinend verdaechtige Bewegeungen auf dem Jebel Chaambi bemerkt. Daraufhin wurde wohl schwere Artillerie eingesetzt.
Kuno
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Ein kleines Land nimmt nach wie vor eine Vorreiterrole in Nordafrika ein: Tunesien hat das seit dem Ausbruch der Revolution vor drei Jahren geltende Notstandsgesetz aufgehoben.
Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Was lässt sich sonst noch berichten, was in irgendeiner Weise relevant für Reisende ist?

Nichts direktes, aber viele Kleinigkeiten:
Die neue Tourismusministerin Amel Karboul will den Süden attraktiver machen. Unter anderem auch mit bestimmten Veranstaltungen.
Beispiel: „Dunes electronique“ 2014 bei Nefta am Star Wars Set:



Welchem politischen Spektrum das nicht passt kann man sich ausmahlen. Aber mal ehrlich: Neben Pauschaltouristen aus dem Billigstsegment Kamelreiten und Sandbrot anzubieten bzw. Individualreisenden eine „Desert Guide“ ans Bein zu binden hat es kaum Innovationen gegeben. Was an solchen Festivals ebenfalls positiv ist: Sie richten sich nicht nur an Europäische Touristen, sondern auch an Tunesier, die so schien es mir in den letzten Jahren auch Geschmack am Süden finden. Jedenfalls trifft man im Süden an den Hotspots immer mehr Tunesier aus dem Norden, die dort auch Geld lassen. Die Gelegenheit bei einem Tee am Ksar Ghilane mit Leuten aus dem ganzen Land ins Gespräch zu kommen hat mir sehr gut gefallen.

Was sonst noch?

In den letzten Wochen wurde auf die salafistische Szene erheblicher Druck ausgeübt. Etliche Prediger, die Ihre Kanzel zur Hetze benutzt haben wurden vom Ministerium für Religiöse Angelegenheiten aus den Moscheen befördert und einige besonders rabiate wurden auch einkassiert.

Sogar den besonders „aktiven“ Anführern der LPRs geht es jetzt ans Leder. Entgegen der bisherigen wohl eher optischen Regierungsumbildungen ist jetzt wirklich Bewegung auszumachen.
Jedenfalls sieht es so aus als ob in Tunesien in der Tat das Kräftemessen in politischen Bahnen verlaufen könnte und nicht wie ET aus dem Ruder zu laufen scheint.

Wenn das anfängt zu funktionieren steht noch das eigentliche Thema an: Die wirtschaftliche Entwicklung. Wenn man davon ausgeht, dass die Revolution im wesentlichen von sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten ausgelöst wurde, dann fängt die eigentliche Arbeit dann erst an. Aber ich bin Optimistisch und drücke die Daumen.

Grüße
Wolfgang
Alexander
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Alexander »

Tunesien war das erste Land, in dem das Feuer der Revolution entfacht wurde und wohl das einzige, dass relativ erfolgreich aus ihr hervorgegangen ist. Während Länder wie Ägypten, Libyen, Algerien (noch kein Revolutionsland) und Mali, um nur die afrikanischen Länder zu nennen, sich bemühen, den radikalen Islamismus und dem einhergehenden Terrorismus unter Kontrolle zu bekommen, macht Tunesien Nägel mit Köpfen. Auch wenn in Tunesien noch nicht alles Gold ist was glänzt, gebührt dem Land m.E. schon ein Platz unter den Gewinnern. Ich hoffe, wenn sich der nächste Geburtstag der Revolution jährt, dass wir wieder sagen können: die Tunesier haben es wieder ein paar Schritte weiter geschafft. Wer das Risiko einer Revolution unter diesen Vorzeichen eingeht, sollte auch irgendwann dafür belohnt werden.

Tunisia, Arab Spring's birthplace, takes on militants

Islamist militants across North Africa have been fighting governments in Egypt, Libya, Algeria and Mali for not imposing harsh sharia law, launching terror attacks and even full blown military offensives against them.

Tunisia is pushing back. mehr...

Grüsse
Alexander
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Alexander
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Alexander »

Die Weltbank veröffentlichte einen Bericht, aus dem hervorgeht, wieviel Geld er und sein Clan für sich vereinnahmt hat. Man spricht von einem Äquivalent von 25% der Gewinne der Privatwirtschaft, was ca. 36 Milliarden Euro entsprechen dürfte. Ein nettes Sümmchen, dass die Ben Alis zusammengestohlen haben.

Tunesiens Ex-Präsident Ben Ali und sein Clan veruntreuten Milliarden

Der Weltbank zufolge steckte der Ex-Staatschef fast ein Viertel der Gewinne des Privatsektors ein

Washington - Der durch eine Volksrevolte entmachtete tunesische Ex-Präsident Zine al-Abidine Ben Ali und sein Umfeld haben sich der Weltbank zufolge zu Regierungszeiten fast ein Viertel der Gewinne der Privatwirtschaft in die eigene Tasche gesteckt. Bis zu 50 Milliarden Dollar (36,3 Milliarden Euro) seien in gut zwei Jahrzehnten abgezweigt worden, heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. mehr...

Grüsse
Alexander
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Birgitt
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Tunesier wählen neues Parlament

Beitrag von Birgitt »

In Tunesien hat unter massiven Sicherheitsvorkehrungen die Parlamentswahl begonnen. Mehr als 5,2 Millionen registrierte Wähler sind landesweit aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. In der Hauptstadt Tunis reihten sich vor Schulen, in denen gewählt wird, Frauen und Männer in lange Warteschlangen ein. Polizisten und Soldaten sicherten die Straßen ab, Sicherheitskräfte in Zivil beobachteten die Umgebung. Aus Angst vor Terroranschlägen militanter Islamisten sind mehr als 70.000 Polizisten und Soldaten im Einsatz.
Mit Angst zur Abstimmung
26.10.2014 - tagesschau

Gruß
Birgitt
Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Gestern habe Sie Ihr erstes Parlament gewählt.

Was mich besonders freut ist die Ruhe mit der das abgelaufen ist. :!:

Auf das Ergebnis darf man noch gespannt sein, aber es droht ihnen das gleiche wie uns: Eine GROKO.
Allerdings zwischen Nida Tounes (welche die Nase ein gutes Stück vorne haben soll) und Ennahda.

Die angekündigte Rückeroberung der Macht ist der Ennahda jedenfalls nicht gelungen.
Die Wahlbeteiligung lag bei knapp über 60%.

Grüße
Wolfgang
Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Hier ein par Ergebnisse aus einzelnen Wahlbezirken:

Circonscription de Monastir (Taux de participation : 74,21%)
Nidaa Tounes : 56,84%
Ennahdha : 20,63%
Afek Tounes : 3,34%
Front populaire : 2,77%

Circonscription de Nabeul 1 (Taux de participation : 75,58%)
Nidaa Tounes : 50,00%
Ennahdha : 19,91%
Afek Tounes : 4,84%
Union patriotique libre : 4,78%
Front populaire : 4,11%

Circonscription de Nabeul2 (Taux de participation : 74,98%)
Nidaa Tounes : 51,40%
Ennahdha : 19,99%
UPL : 5,05%
Front Populaire : 3,42%
Alliance Démocratique : 3,18%

Circonscription de Gabès (Taux de participation : 68,45%)
Ennahdha : 50,13%
Nidaa Tounes : 17,09 %
UPL : 5,40%
CPR : 4,56%
Mouvement Populaire : 2,20%

Circonscription de Sfax 1 (Taux de participation : 73,88%)
Ennahdha : 36,21%
Nidaa Tounes : 31,29%
Front Populaire : 4,68%
Courant Démocratique : 3,40%
Afek Tounes : 3,17%
Al Jomhouri : 2,5%

Circonscription de Sousse (Taux de participation : 74,46%)
Nidaa Tounes : 48,86%
Ennahdha : 24,20%
Afek Tounes : 5,89%
Al Moubadara: 4,11%
Front populaire: 2,62%

Circonscription de Kasserine (Taux de participation : 60,51%)
Nidaa Tounes : 27,22%
Ennahdha : 22, 70%
Front populaire : 4,41%
UPL : 3,30%
CPR : 2,82%

Circonscription de Siliana (Taux de participation : 63.48%)
Nidaa Tounes : 29,28%
Ennahdha : 17,72%
Front Populaire : 11,56%
Al Jomhouri : 7,32%
UPL : 5,92%

Circonscription du Kef (Taux de participation : 66,64%)
Nidaa Tounes : 48,17%
Ennahdha : 17,50%
Front Ppopulaire : 6,93%
UPL : 4,24%
Volonté Liberté : 1.49%

Circonscription de Mahdia (Taux de participation : 71,80%)
Nidaa Tounes : 45,55%
Ennahdha : 22,45%
Afek Tounes : 9,85%
Front populaire : 2,90%
Union patriotique libre : 2,48%

Circonscription de Zaghouan
Nidaa Tounes : 35,19%
Ennahdha : 22,64%
Union Patriotique Libre: 6,88%
Al Moubadra : 3,11%
Front populaire : 2,69%
Afek Tounes : 2,32%

Circonscription de Kébili (Taux de participation : 69,51%)
Ennahdha : 39,5%
Congrès Pour la République : 16,1%
Mouvement populaire : 15,3%
Nidaa Tounes : 10,4%
Union Patriotique Libre : 3,7%
Front populaire : 2,9%

Circonscription de Tozeur (Taux de participation 64,20%)
Ennahdha : 27,3%
Al Majed Lel Jarid : 13,37%
Nidaa Tounes : 13,01%
Union Patriotique Libre : 4,64%
Sawt El Jarid : 3,45%

Circonscription de Tataouine (Taux de participation : 61,66%)
Ennahdha : 65%
Nidaa Tounes : 7,7%
Union Patriotique Libre : 3,7%
Congrès Pour la République : 3,6%
Al Joumhouri : 2,8%

Circonscription d’Allemagne (Taux de participation : 29,09%)
Nidaa Tounes : 40,95%
Ennahdha : 35,92%
CPR : 6,77%
Front populaire : 5,53%

Circonscription de France 1 (Le taux de participation : 48,36%)
Nidaa Tounes 39.48%
Ennahdha 29.56%
Afek Tounes 5.76%
Congrès Pour la République 5.55%
Font populaire : 4,33%

Circonscription de France 2 (Taux de participation : 27,45%)
Nidaa Tounes : 42,09%
Ennahdha : 26,36%
Appel des Tunisiens à l’étranger : 5,88%
CPR : 4,12%
Front populaire : 3,91%


Quelle: http://www.businessnews.com.tn/legislat ... 20,50683,3

Interessant ist das Stadt - Land bzw. Nord-Süd Gefälle was die Ergebnisse der Ennahda angeht.
Ebenfalls interessant sind die Ergebnisse im Ausland. Dort war die Ennahda ebenfalls führend bei der letzten Wahl.

Alles in allem fast bayrische Verhältnisse also :mrgreen:

Grüße
Wolfgang
Zuletzt geändert von Wolfgang K am Mi 29. Okt 2014, 11:38, insgesamt 1-mal geändert.
Alexander
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Alexander »

Wolfgang K hat geschrieben:Alles in allem fast bayrische Verhältnisse also :mrgreen:
Wir standen den Tunesiern schon immer näher als den heimatlichen Nordlichtern ;-)

Grüsse
Alexander
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Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Ja, auch wenn die bayrische Ennahda auf dem Land noch gut da steht ist die Nida Nahles allerdings auch im Norden auf dem Weg zur Splittergruppe.

Und auf die Wahlbeteiligungen in Tunesien dürfen wir jetzt schon neidisch sein.

Grüße
Wolfgang
Kuno
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Meine herzliche Gratulation den Tunesiern.

Offensichtlich (und leider) sind sie die Einzigen, die den "Arabischen Frühling" positiv umsetzen können und die Grundzüge der Demokratie verstanden haben.
Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Nachdem die Parlamentswahlen sehr friedlich und wenig emotional verliefen steht am Sonntag die Wahl des Präsidenten an.

In der NZZ war die Tage ein wirklich guter Artikel zur Stimmung vor der zweiten Wahlrunde:

http://www.nzz.ch/international/naher-o ... 1.18446683

Was im Artikel anklingt habe ich ebenso wahrgenommen: Die Präsidentenwahl wird emotionaler als die Parlamentswahl. Auch der Wahlkampf erscheint wesentlich ruppiger. Egal mit wem man spricht - die Polarisierung ist nicht zu übersehen.

In Douz z.B. gab es am Tag nach ersten Wahlrunde eine mittelgroße und zum Zeitpunkt meiner Anwesenheit lautstarke aber friedliche Demo (Douz ist eine Marzouki Hochburg). Wie bei anderen solcher Veranstaltungen wurde von Ausländern keine Notiz genommen und man konnte problemlos passieren.

Grüße
Wolfgang
Kuno
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Kuno »

Das Resultat ist da: Béji Caïd Essebsi von säkularen Opposition hat das Rennen um das Präsidentenamt für sich entschieden. Seine Partei, Nida Tunis, ging bereits im Oktober als Siegerin hervor. Nur falls es jemanden interessieren sollte...
Wolfgang K
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Re: Tunesien nach der Revolution

Beitrag von Wolfgang K »

Die meisten, die vor der Wahl von sich aus ein Gespräch zur Politik anfangen haben sich euphorisch für Essebsi (bajbouj) ausgesprochen. Die Anhänger von Marzouki haben sich gegenüber Ausländern eher zurückgehalten. Naheliegend.

Der Wahlkampf wurde im Wesentlichen äußerst polemisch und mit den Argumenten „altes Regime“ vs. „Islamisierung und Kalifat“ geführt.
Die einen bezeichnen Essebsi als die leibhaftige Restauration der „Mauves“, die anderen Marzouki den Handlanger und Beschützer der Islamisten inkl. des militanten Flügels. Im Grunde ging es aber eher um Nord-Süd.
Von den eigentlich aufgelösten LPRs haben auch prompt einige nach der Wahl randaliert und Wahlhelfer bedrängt. (Hamma, Gabes).
Im Vorfeld hatte der ehemalige Anführer der LPR mit einem Blutbad gedroht, wenn „Bajbouj“ und/oder seine Partei die Wahlen gewinnen würde.

Der knappe Ausgang und die Schärfe mit der Wahlkampf geführt wurde zeigt, dass der Konflikt über die Spaltung Nord-Süd und modern-konservativ alles andere als beigelegt ist, sondern unter der Expertenregierung nur ausgesetzt war. Der wird jetzt weitergehen.

Man darf die Daumen drücken, dass alle Seiten genug Weisheit und Fingerspritzengefühl haben, das nicht weiter hoch zu kochen.

Grüße
Wolfgang
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