Teil 4
Sonntag, 03.11. 7. Tag
Wir würden gerne noch bleiben, müssen aber weiter. Abfahrt gegen 08:00 Uhr vorsorglich mit untergelegten Sandblechen. Bis Illizi noch 160 km und früh am Morgen brennt die Sonne schon ganz schön vom Firmament.
Im Auto messen wir um 09:22 Uhr schon 23,7º C.
Letzter Fotostopp am Erg Bouharet beim Verkehrsschild „Sanddüne“ und das Dünengebiet wechselt wieder über in eine flache Ebene.
Zum Schauen gibt es aber mehr als genug. In flachen Senken steht noch Wasser von den Regenfällen der letzten Wochen, grüne Pflänzchen sind aufgegangen, stellenweise trocknet der Boden in großen Rissen schon wieder aus.
In Illizi angekommen, begeben sich Hendrik und Holger wieder auf Einkaufstour und wir dürfen uns einen Pfefferminztee in einem kleinen Straßencafé kaufen. Kleine Verschnaufpause vor der nächsten Etappe. Um 12:30 Uhr Aufbruch nach Djanet (412 km). Die Teerstraße führt über das Plateau Fadnoun und wir schwitzen im Auto bei 30,4º C.
35 km nach Illizi Fahrtunterbrechung zur Mittagspause auf dem Plateau.
Am späten Nachmittag erreichen wir die Paßhöhe des Fadnounplateaus in 1200 m Höhe. Vor der Fertigstellung der Teerstrasse hat man zur Bewältigung dieses Streckenabschnittes mindestens drei Tage gebraucht.
Serpentinenartig windet sich die Straße mit 17 % Gefälle nach unten.
210 km vor Djanet verlassen wir an einer Gabelung Richtung Afara auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz die Straße.
Vor einem Oued müssen wir anhalten, der Untergrund ist ziemlich weich. Wir halten an einem flachen, steinigen Platz mit Blick auf die Kulisse der entfernten Bergketten des Tassili n’ Ajjer.
Es dauert nicht lange und wir bekommen Besuch. Ein Nomadenjunge (Tuareg?) taucht auf und bietet Pfeilspitzen für 100 AD (1,30 €) pro Stück an. Peter kauft zwei davon.
Der Himmel ist mittlerweile wolkenverhangen, es sieht nach Regen oder Gewitter aus. Es wird empfindlich kühl mit entsprechendem Wind, wir holen die dicken Jacken aus dem Gepäck. Trotzdem wird uns auch nicht wärmer und bei unter 15º C verziehen wir uns schon kurz nach 21:00 Uhr in die Schlafsäcke:
Montag, 04.11. 08. Tag
Morgens hat sich der Wind gelegt und die Gewitterwolken haben sich verzogen. Wir sind gerade beim Frühstück, schon naht wieder Besuch. Eines nach dem anderen treffen Kinder ein, zuerst der Junge vom Vortag, nach und nach die drei anderen Ge-schwister. Schließlich stehen sie da wie die Orgelpfeifen. Ich stelle mir vor, wie karg das Leben für diese Menschen weitab von jeder Ansiedlung sein muß und wie unser gedeckter Tisch wohl auf die Kinder wirken mag – mit all den Dingen, die da aufgetischt sind und die ihnen wie ein Schlaraffenland vorkommen müssen.
Wir geben von unserem Überfluß ab – Baguette, Kekse, Schokolade usw.
Um 08:30 Uhr starten wir und fahren zurück zur Abzweigung und weiter Richtung Djanet. Die Straße schlängelt sich wie bisher in den letzten beiden Tagen durch eine Geröllwüste, gebirgig und schwarz (Saharalack). Zeitweise flache Ebenen, dann wieder wild zerklüftet mit tief unten liegenden Oueds, ab und zu ist ein bißchen Grün dazwischen. Und immer noch ist die tonangebende Farbe „Schwarz.“
Abstecher zu den Felsgravuren von Tinterhert. Am Fuß der Felsplatten warten zwei Nationalparkwächter (Tuareg aus Bordj el Haoués, früher: Fort Gardel) auf Besucher. Für 100 AD (1,30 €) pro Person dürfen wir die Gravuren besichtigen. Selbstverständ-lich laufen wir barfuß über die Platten, damit wir nichts beschädigen.
Gelockte Kuh von Tinterhert – Ausschnitt – Gesamtlänge 5 m
Nach der Besichtigung werden wir von den beiden Tuareg eingeladen, das „Muse-um“ zu besichtigen.
Natürlich sind wir neugierig und gehen mit. Vom Museum sehen wir zwar nichts, werden aber zum Tee eingeladen. Hier erleben wir erstmals das Zeremoniell des „Wüstentees“: Insgesamt werden drei Gläser Tee ausgeschenkt, es wäre unhöflich, diese nicht anzunehmen und genauso unhöflich, nach dem dritten Glas noch ungebührlich lange sitzen zu bleiben.
Der Tuareg rechts oben im Bild hat es tatsächlich geschafft, einem halb zerlegten Transistorradio noch ein paar Töne zu entlocken. Leider haben wir kein überzähliges Radio dabei, das wir ihm hätten schenken können.
Lageplan von Tinterhert
Mittagspause im Oued Issadilene, umgeben von der grandiosen Tassili-Berglandschaft des Adrar Adjeleho. Felskulissen wie in Utah, USA, viel Sand und grüne Grasbüsche.
Auf, auf, wir müssen weiter.
Es dauert nach dem Einsteigen nicht lange, bis Gerold wieder einen Halt erbittet. Fotostop für eine Kamelherde. Es stellt sich heraus, daß Holger vor kurzem mit genau diesen Tieren eine Meharée gemacht hat. Er erkennt in einem der Tuareg den Führer wieder, mit dem er erst kürzlich unterwegs war.
Diese Kamele sind wunderschöne Tiere und jedes hat sein unverwechselbares Gesicht. Ich bin immer wieder fasziniert.
Unsere Reiseleiter fahren nicht auf der Straße weiter – vielen Dank, sondern suchen einen Weg durch die Felsschluchten des Tassili n’ Adjer. Bis Djanet sind nur noch ca. 40 km zu fahren.
Am späten Nachmittag kommen wir in Djanet an. Im Gästehaus der Agentur ATRI sind wir ganz unter uns. Mittlerweile fühlen wir uns alle ein bißchen verwildert. Das müssen wir schleunigst ändern – wir gehen duschen!! Ach, welch ein Gefühl, wenn der Staub von der Haut und der Sand aus den Haaren gespült ist – wie neugeboren.
Wir machen uns schick, denn jetzt geht es zum Bummeln nach Djanet und heute ko-chen wir nicht selbst, wir gehen Abendessen. Im Freiluftrestaurant erwartet uns ein Menü bestehend aus:
• Soupe algerienne (Tomatensuppe mit Mehlkrümeln)
• Hammelkotelett mit Pommes frites
• Käseomelette
• gemischter Salat aus Karotten, Gurken, Tomaten, Zwiebeln
• Orangen und Datteln zum Nachtisch und
• Tee aus Minigläsern.
Wir schlafen im Gästehaus auf Holzbänken mit dicken Auflagen.
Dienstag, 05.11. 9. Tag
Nach dem Frühstück fahren wir nach Djanet – das Gästehaus liegt am Ortsrand – zum Bummeln und Geldwechseln. Peter und ich brauchen unbedingt Nachschub an Zigaretten und wir müssen noch Schulden bei Holger begleichen (hat uns in Hassi Messaoud das Geld für Zigaretten ausgeliehen).
Peter wechselt 150 € und wir begeben uns auf Entdeckungstour. Das Museum von Djanet lockt uns. Später kaufen wir auf dem Gemüsemarkt Granatäpfel, ein gutes Kilo kostet 80 AD (1,03 €).
Jetzt noch die Zigaretten.
Für 20 Päckchen „Rothmans“ zahlen wir 3000 AD (38,78 €),
also pro Packung 150 AD (1,94 €),
für 50 Schachteln einheimische „Rym“ sind 2250 AD (29,08 €),
also pro Packung 90 AD (0,58 €) fällig.
Wir gehen noch ein bißchen bummeln und machen Teepause im Restaurant, wo wir gestern abend gegessen haben. Wir beobachten das lebhafte Treiben auf den Straßen.
Hendrik und Holger haben den Gemüsemarkt abgegrast und wieder alles Mögliche mitgebracht:
Äpfel, Bananen, Fenchel, Gurken, Karotten, Kartoffeln, Knoblauch, eingelegte Oliven, Orangen, Paprika, Rote Bete, Zucchini, Zwiebeln, Zitronen.
Bildquelle: www.daerr.net
Mittags zurück im Gästehaus gibt es Salat aus Tomaten, Mais, Thunfisch, Oliven und frisches Baguette. Wir haben „Pause“ bis heute abend. Holger und Hendrik reparie-ren den Magirus. (Ölwechsel usw.)
Am späten Nachmittag füllen wir unsere 15 leeren Wasserkanister wieder auf.
Zum Abendessen wird Couscous serviert (wird fertig angeliefert).
Mittwoch, 06.11. 10. Tag
Heute beginnt Teil 2 unserer Tour nach Tamanrasset. Wir starten nach einer mücken-geplagten Nacht kurz nach 8:00 Uhr. Nachdem wir uns im Gästehaus verabschiedet haben, müssen wir erst mal 400 Liter Diesel tanken. Das dauert natürlich einige Zeit und ich schau’ mich ein bißchen um. Ein Mehrachser mit Anhänger steht an der Zapfsäule. Beim Drumherumgehen inspiziere ich die Reifen und glaube, mich trifft der Schlag. Dieser Lkw hat an jeder Achse Reifen mit einem anderen Profil. Zu Hause ist das völlig undenkbar. Die nächste Tankstelle ist 700 km entfernt in Tamanrasset
Nach einer kurzen Fahrt auf der Teerstraße biegen wir ab und verlassen die Zivilisation wieder. Endlich wieder Sand unter den Reifen. So weit das Auge reicht – Sand-ebene, glatt wie ein Tischtuch. Am Horizont erheben sich hellbeigefarbene Sanddünen. Der Himmel trägt ein zartes Hellblau mit weißen Wolkenstreifen.
Temperatur im Auto um 9:08 Uhr bereits 23,5º C. Düne rauf und Düne runter, die Dünenfahrt hat begonnen. Weiter geht es auf einer breiten autobahnähnlichen Piste, wo sich jedes Fahrzeug die eigene optimale Fahrlinie sucht. Hier fährt keiner in der Spur des anderen. Deshalb sehen wir auch Reifenspuren ohne Ende.
Blick zurück auf unsere Fahrspur
Rechts und links türmen sich Dünen auf. Die Dünenkämme schmücken sich mit schwarzem Sand. Wir sind mitten drin im Erg d’ Admer. Wieder mal Anhalten zum Luftablassen. Einmal reicht aber nicht, der Sand ist doch weicher als gedacht, also das Ganze noch mal – wir wollen über diese eine Düne! Hendrik fährt den unzähli-gen Reifenspuren derjenigen nach, die vor uns auch schon da waren. Wir schleichen peu a peu durch den Sand bergauf. Endlich haben wir es geschafft und sind oben
Die Sicht ist unendlich weit. Wir sehen rechterhand einen schwarzen pyramidenähnlichen Hügel als markanten Orientierungspunkt.
12:15 Uhr: Gerold mit seinen Adleraugen hat etwas entdeckt. Bitte anhalten, wir wol-len das auch sehen. Das Fundstück stellt sich als Rucksack heraus, der hier schon länger liegen muß. Wir finden darin ein blaues Gewand, Musikkassetten, Streichhölzer und einen blauen Teekessel.
Die Plaine d’Admer zieeeht sich ewig lang dahin, man schaut ins „Nichts.“ Die Sandebene verschmilzt am Horizont mit dem Himmel, die Dünen scheinen in der Luft zu schweben – wo ist mein Badeanzug angesichts der vielen Wasserlöcher, die von Fata Morganas vorgegaukelt werden?
Gegen 14:00 Uhr Mittagspause in einer flachen Sanddüne, weitab von jeder Piste. Wir genießen die sich uns bietenden Ausblicke und kommen zu dem Ergebnis, daß sich jeder Cent für diese Reise gelohnt hat.
Nachmittags kommt Wind auf und der Sand weht einem Vorhang gleich über die Ebene. Die Sicht ist recht eingeschränkt, aber dann tauchen doch wieder Hügel in dunklen Farbtönen auf, in den Oueds stehen überall noch Feuchtigkeitsinseln, zum größten Teil hat die Sonne aber alles Wasser schon wieder verdunsten lassen und übrig geblieben sind rissige Flächen.
Der Wind treibt den Sand noch immer vor sich her, alle Orientierungspunkte sind ver-schwunden. In der Ferne sehen wir zwei Toyotas fahren. Los – hinterher. Nach einer kleinen „Orientierungsfahrt“ finden Hendrik und Holger wieder den richtigen Weg.
Abendlagerplatz ist ein mit Glimmer durchsetztes Sandgebiet im Oued Tin Hadjene.
Nach dem Abendessen beschließen wir, daß es uns jetzt zu kalt wird, weil der Wind einfach nicht aufhören will. Schlafen wollen wir aber auch noch nicht, deshalb setzen wir uns in den Lkw und ratschen noch ein bißchen.
Donnerstag, 07.11. 11. Tag
Wir lassen es uns gut gehen und genießen unser Frühstück ohne Zeitstreß – so wie bisher.
Mannomann, sind wir hier in einem Schatzfeld gelandet? Der Sand glitzert in der Sonne, das hast du noch nicht gesehen.
Was bringt man mit aus Algerien, einem Land mit einem Wüstenanteil von mehr als 85 %? Tja, dreimal darf geraten werden.
Ich mache mich auf alle Fälle auf die Suche nach einem leeren Glas und sammle Sand.
Bevor wir weiterfahren, bekommen wir eine kurze Kartenkunde, damit wir wissen, wo wir überhaupt sind und wo wir hinwollen.
Gegen 09:00 Uhr ziehen wir weiter Richtung Djebel Telertheba quer durchs Gelände mit GPS-Navigation, weil im weglosen Gelände niemand weiß, wo es langgeht. Trotzdem kommt hier ein Leitsatz von GEO-Tours zum Tragen:
„Wir haben uns nicht verfahren und wir sind hier nicht verkehrt, denn genau hier wollten wir hin!“
Wir durchfahren das Oued Tin Hadjene, bis wir wieder eine Piste erreichen, deren Verlauf durch in regelmäßigen Abständen errichtete „Steinmännchen“ (Redjem) mar-kiert ist.
Fotostop wegen eines losen Aufpuffteils, das aber schnell wieder befestigt ist und später bei einem prähistorischen Schlüssellochgrab.
Eigenartig sieht diese Grabstätte aus: In der Mitte ein Hügel, drumherum ein oder zwei Kreise wie Wassergräben. Wie alt ist dieses Grab und warum ist hier nur eines? Ein Friedhof kann es jedenfalls nicht sein. Hendrik erzählt, daß solche Gräber unter-sucht worden sind und man habe darin nichts gefunden.
Detailansicht
Djebel Telertheba
Auf einer Piste wie oben im Bild kommen wir ziemlich schnell vorwärts. Der Djebel Telertheba scheint zum Greifen nah. Wie gesagt – scheint. Tatsächlich dauert es fast noch zwei Stunden, bis endlich Mittagspause angesagt ist. Wir fahren eine Düne hinauf, und Hendrik stellt den Motor ab. Wir steigen aus, stellen Tische und Stühle auf, aus der geöffneten Futterluke holen wir unser Mittagessen – Brot, diverse Aufstriche, Käse, Wurst, Bifi, Saft, Tomaten, Gurken.
Nach dem Essen allgemeines Ausschwärmen – die Kameras brauchen wieder Futter.
Dieser Vogel hatte Pech, weshalb ist er wohl hier gelandet?
Bevor es uns auch so ergeht, wollen wir lieber weiterfahren. Die Angst ist aber unbegründet – Wasser haben wir genügend an Bord.
Während der wie bisher holprigen Weiterfahrt auf der markierten Piste sehen wir in einiger Entfernung in den Hügeln ein weiteres Hügelgrab und auf der Piste Steine ohne Ende. Die Pistenmarkierungen (Steinmännchen) reihen sich wie eine Perlenkette auf der Schnur re-gelmäßig im Abstand von ca. 20 m. Da haben viele Hände fleißig daran gebaut – und wir profitieren davon.
Völlig unerwartet nach 45 Minuten – Raucherpause. Wir steigen aus, sehen uns ein wenig um und fallen aus allen Wolken. Da steht doch mitten im Sand ein VW-Bus – aber wie der aussieht! Da ist nur noch die Karosserie. Alles andere wurde ausgeschlachtet.
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Wir ergehen uns in wilden Vermutungen, wieso und weshalb dieser VW-Bus hier an dieser Stelle aufgegeben wurde und wie die Insassen wohl von hier weggekommen sind. Für uns ist das einfacher, wir haben ein funktionierendes Fahrzeug.
Weiter geht die Fahrt über Serir-Geröll. Gegen 16:00 Uhr der nächste Halt zu einer „Guckpause“ in Richtung Amadrorebene.
Originalton Holger: „Wir wissen nicht genau, wo wir sind, aber prinzipiell sind wir hier richtig.“ Prinzipiell bezieht sich hier auf die Generalrichtung nach Tamanrasset!
Auf dieser endlosen Ebene kann man sich locker verfahren, wenn man die markierte Piste verläßt. Auf Pisten fahren ist aber auch langweilig – da muß schon der gewisse Kick dabei sein und den holen sich unsere beiden Reiseleiter immer wieder.
Alles wieder einsteigen – weiter geht es. Nachdem wir eine Wasserscheide über-quert haben, führt der Weg leicht abwärts. Immer noch Serir-Geröll. In der Ferne sichten wir unseren Übernachtungsplatz „Das Hotel zu den drei Akazien.“
Abends Fotoaufnahmen von den Verirrten aus dem Himalaya. Es ist kalt geworden und alle haben sich vermummt, als ob es minus 20º hätte.
links: Hendrik vor der Futterluke mit Kochtopf
rechts: Klaus, Gerold, Barbara
