Sklaverei im Mittelmeerraum

Kultur- und Politikgeschichte über die im Wüstenschiff behandelten Regionen.

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Ralf Kiefer
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Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Ralf Kiefer »

Hallo!

Beim Thema Sklaverei fiel mir ein interessanter Artikel in der NZZ auf: 300 Jahre lang versklavten Piraten aus dem Maghreb Hunderttausende von Europäern. Warum wissen wir so wenig darüber?
"Christliche Sklaven, muslimische Herren: Fast 300 Jahre lang bedrohten Piraten aus dem Maghreb die Seefahrt im Mittelmeer. Die Forschung schenkt diesem Kapitel der Geschichte wenig Beachtung, obwohl es bis heute nachwirkt."

Von dieser Variante hörte ich jetzt zum 1. Mal, obwohl Afrika ansonsten reich an diversen Varianten der Sklaverei ist. Ok, z.B. im Sudan gab's im 19. Jahrhundert ebenso europäische Sklaven, die üblicherweise aus Ägypten geliefert wurden. Aber ansonsten galt (und gilt?) die Regel der Hautfarbe in der Rangfolge.

Gruß, Ralf
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Regula St.
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Regula St. »

Hallo Ralf

den Artikel habe ich heute früh auch gelesen: Davon wird nie gesprochen, dabei ist das doch spätestens seit den Kreuzfahrten ein Thema. Und was haben z.B. die Piraten vor der kleinasiatischen Südküste in römischer Zeit mit ihren Gefangenen gemacht, wenn die kein Lösegeld zahlen konnten/wollten? Natürlich wenn möglich verkauft ...

Vor einigen Monaten ist mir in der Bibliothek meiner Mutter eine Broschüre in die Hände gefallen: ein Bericht eines Solothurner Bürgers, der im 18. Jahrhundert von Mittelmeerpiraten gefangen genommen wurde und als Sklave in Nordafrika gelebt hat. Die Solothurner haben ihn schliesslich freigekauft (nach etwa fünf Jahren). Ich schaue mal, ob ich das Ding wieder finde, dann würde ich es scannen und hier einstellen (ich hoffe, dass die Broschur das aushält). Aber das braucht noch ein wenig Zeit; ivielleicht schaffe ich es bis Weihnachten.

LG Regula
Ralf Kiefer
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Ralf Kiefer »

Regula St. hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 21:22
Davon wird nie gesprochen, dabei ist das doch spätestens seit den Kreuzfahrten ein Thema. Und was haben z.B. die Piraten vor der kleinasiatischen Südküste in römischer Zeit mit ihren Gefangenen gemacht, wenn die kein Lösegeld zahlen konnten/wollten?
Das war vor über 1000 Jahren. Die Korsaren im Mittelmeer waren vor nicht mal 200Jahren, als die Sklaverei zwischen West-Afrika und den Amerikas schon bedeutend war. Dazu mußten wir uns in der Schule den damals populären Film "Roots" anschauen, der die US-Sklaverei darstellte. Kunta Kinte u.a. :-) Mehr hatte unser Lehrplan zum Thema nicht hergegeben.

Zur Sklaverei aus dem Maghreb gibt's heute immerhin ein paar erläuternde Wiki-Einträge:
https://de.wikipedia.org/wiki/Barbaresken-Korsaren und https://de.wikipedia.org/wiki/Barbareskenstaat
Die waren bis in Irland und Island! Irgendwo in Marokko gibt's wohl noch Bauruinen aus dieser Zeit mit Bezug zur Sklaverei von Europäern. Die Bauwerke in den Hafenstädten Algier, Tunis, Tripoli, Mogador u.a. wurden offensichtlich bereits seinerzeit zerbombt. Die Liste der Rachefeldzüge ist beeindruckend. Sogar die traditionell friedliebenden US-Amerikaner kamen mal bis Algier zum "Aufräumen" ;-)
Regula St. hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 21:22
ein Bericht eines Solothurner Bürgers, der im 18. Jahrhundert von Mittelmeerpiraten gefangen genommen wurde und als Sklave in Nordafrika gelebt hat.
Dabei ist Solothurn ziemlich weit vom Mittelmeer entfernt ... :-)

Gruß, Ralf
Regula St.
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Regula St. »

Ralf Kiefer hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 23:53
Dabei ist Solothurn ziemlich weit vom Mittelmeer entfernt ... :-)
Ich habe noch ein wenig recherchiert: Johann Viktor Lorenz Aregger (auch Arregger geschrieben) von Wildensteg, 1699 - 1770, aus einem Solothurner Patriziergeschlecht, war Offizier in spanischen Diensten. Er geriet 1732 auf der Überfahrt nach Marseille in Gefangenschaft und kam in ein Sklavengefängnis nach Algier. 1738 wurde er über einen Orden, u.a. mit Geldern der Stadt Solothurn, freigekauft und kehrte dann nach Solothurn zurück. Später war er Mitglied des Grossen Rats der Republik Solothurn. Sein Manuskript "Relation de la captivité de Mr le chevalier d'arregger noble Soleurrien colonel d'un Régt suisse de deux bataillon au service de Sa Majeste catholique Filipe cinq Roy des Espagnes et des indes" wurde mal gedruckt herausgegeben; der Druck scheint aber in keiner schweizerischen Bibliothek vorhanden zu sein.
Da mache ich mich nächste Woche doch mal auf die Suche ...

LG Regula
Bäärti
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Bäärti »

Bei uns wurden ab und zu Diebe (bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein) zur Galeeren-Strafe verurteilt. Die Sträflinge aus der Zentralschweiz schickte man üblicherweise nach Venedig oder Genua, wo sie bei der Marine als Ruderknechte eingesetzt wurden. Manche gerieten dabei in arabische Gefangenschaft oder wurden an arabische Händler verkauft.
Die meisten Verurteilten überlebten die Galeeren-Strafe und/oder Sklaverei nicht und verschwanden einfach von der Bildfläche.

Irgendwo habe ich aber einmal einen Bericht von einem Zurückgekehrten gelesen…

Gruss Bäärti
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
Ralf Kiefer
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Ralf Kiefer »

Regula St. hat geschrieben:
Do 26. Nov 2020, 09:51
Sein Manuskript "Relation de la captivité de Mr le chevalier d'arregger noble Soleurrien colonel d'un Régt suisse de deux bataillon au service de Sa Majeste catholique Filipe cinq Roy des Espagnes et des indes" wurde mal gedruckt herausgegeben; der Druck scheint aber in keiner schweizerischen Bibliothek vorhanden zu sein.
Da mache ich mich nächste Woche doch mal auf die Suche ...
Genau, mach mal :-) Das klingt spannend und interessant. Ich fürchte nur, daß mich solch altes Französisch überfordern wird. Und Babelfish ggf. auch. Vielleicht findet sich ein Muttersprachler, der beim Übersetzen in moderne Sprache helfen kann.

Gruß, Ralf
Regula St.
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Regula St. »

Ralf Kiefer hat geschrieben:
Do 26. Nov 2020, 12:04
Ich fürchte nur, daß mich solch altes Französisch überfordern wird. Und Babelfish ggf. auch. Vielleicht findet sich ein Muttersprachler, der beim Übersetzen in moderne Sprache helfen kann.
Was ich seinerzeit gelesen habe, war Deutsch (sonst hätte ich mir das nicht als Einschlaflektüre gegriffen). Entweder war es die Übersetzung der "Relation" oder ein Auszug aus dem Manuskript "Der Edle Herr Joann Victor Laurenz von Arregger, Ritter aus dem Grossen Rath der Republique und Canton Solothurn und Oberist über ein Regiment von zwey Batailon in Kön: spanischen Diensten last diese beschreibung seinen Nachkömmlingen und Mitburgeren zurückh". Alltags- und Fachfranzösisch kann ich zwar einigermassen, aber sowas in der Originalsprache lesen? Höchst ungern :wink:
Was ich nicht mehr in Erinnerung habe, weil's für mich beim Lesen keinen Unterschied macht: Ob die Broschüre in Fraktur gedruckt war ...

LG Regula
Barbara4x4
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Barbara4x4 »

Jo, sie waren bis Island. :mrgreen: Dieser auf Tatsachen beruhende Roman fiel mir mal in der Stadtbücherei auf. In Teilen richtig klasse, kein stumpfes Klischeegeschreibsel.

Die Isländerin

Viele alte Berichte gibt es auch auf archive.org und gallica.fr als epub oder pdf.

Viele Grüße
Barbara
Mauritius
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Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Mauritius »

Ralf Kiefer hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 20:27
Beim Thema Sklaverei fiel mir ein interessanter Artikel in der NZZ auf: 300 Jahre lang versklavten Piraten aus dem Maghreb Hunderttausende von Europäern. Warum wissen wir so wenig darüber?"Christliche Sklaven, muslimische Herren: Fast 300 Jahre lang bedrohten Piraten aus dem Maghreb die Seefahrt im Mittelmeer. Die Forschung schenkt diesem Kapitel der Geschichte wenig Beachtung, obwohl es bis heute nachwirkt."
Schade, daß der Artikel hinter einer Bezahlschranke ist . . . Hätte mich schon interessiert.
Berti-F
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Berti-F »

Vom Bayerischen Rundfunk gibt es auf BR2 in der Reihe Radio Wissen einen Podcast mit dem Titel: "Versklavt im Mittelmeer - Als Christen und Moslems sich jagten"
https://www.br.de/mediathek/podcast/rad ... en/1861778

Wer nicht hören will, kann lesen. Hier der Link zum Download des Manuskript vom Podcast:
https://www.br.de/radio/bayern2/service ... r-100.html
Mauritius
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Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Mauritius »

Hochinteressante Reportage; hab' sie gelesen, statt gehört; vielen Dank.
Hatte bis jetzt immer ein völlig anderes Bild von der Sklaverei; ein Bild, welches wohl eher auf die südamerik. Sklaverei zutrifft.

Ich bin von 1984 bis 2008 zur See gefahren - oh, mein Gott, wenn ich mir jetzt vorstelle, ich wäre von Piraten entführt worden . . . !?
middeldorfklaus3
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von middeldorfklaus3 »

Ja, es gibt nicht nur die Farben schwarz und weiss sondern viele Schattierungen dazwischen ( es gab auch genug schwarzafrikanische sklavenhändler und sklavenjäger , nur das geht alles ein bisschen unter )
Eigentlich genügt es schon in Wikipedia darüber nachzulesen.
PS: in Mauretanien wurde die Sklaverei erst vor einigen Jahren gesetzlich abgeschafft
Michael K.
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Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von Michael K. »

Hallo,

einer dieser geraubten Sklaven kam aus Andalusien und hat später im Auftrag des Sultan Al Mansur von Marrakech Timbuktu erobert.
Deshalb hat Timbuktu einen starken andalusischen Einfuss.
Die Infos und ein Film zu dem Thema sind leider auf spanisch.
Ich habe einige Zeit mit den Besitzern der Bibliotheken dort verbracht,die Gesichte und der andalusische Einfluss sind echt faszinierend

https://es.wikipedia.org/wiki/Yuder_Pachá





Und auch die Lehmmoscheen tragen die Handschrift eines Andalusiers

https://en-clase.ideal.es/2019/09/20/mu ... es-saheli/


Viele Grüsse

Michael
sysiphus
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Registriert: Mi 28. Dez 2022, 16:18

Re: Sklaverei im Mittelmeerraum

Beitrag von sysiphus »

Michael K. hat geschrieben:
Do 25. Mai 2023, 23:08
Und auch die Lehmmoscheen tragen die Handschrift eines Andalusiers

https://en-clase.ideal.es/2019/09/20/mu ... es-saheli/
Sklaverei und Sklavenhandel sind ohne Zweifel Teil der gesamten Menschheitsgeschichte. Auch in Europa in vielfacher Form über das Römische Reich bis zum Leibeigentum und zur Fronarbeit systematisch praktiziert.
Basis sind bis heute immer Macht und die dann folgende Ausbeutung. Ein gewaltiges Thema und sehr aktuell, wenn man bedenkt, wie inzwischen die einst so blutig erkämpften Universellen Menschenrechte heute oft demagogisch (und leider nicht ohne propagandistischen Erfolg) zu bloßen kulturellen Merkmalen mit begrenzter Wirksamkeit demontiert werden sollen.

Zum mittelalterlichen Sklavenhandel zwischen N-Afrika und Europa: wenig bekannt ist, dass einer der grössten Geister der Weltliteratur fünf Jahre lang als geraubter Sklave leben musste, ehe er freigekauft werden konnte: Miguel de Cervantes! 8)

Übrigens: das Foto der Djenné-Moschee zeigt ein Bauwerk des frühen XX. Jh, welches dort errichtet wurde, wo vorher andere Moscheen standen. Djenne ist da also ganz anders zu betrachten als Tombouctou mit seinen drei, tatsächlich historischen Moscheen Djingareyber, Sankoré und Sidi Yahia.
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