°Daniel hat geschrieben: ↑Mo 22. Mär 2021, 19:05
Vielleicht weckt ja auch der Titel
„972 Breakdowns“ falsche Erwartungen, zumindest aus unserer Sicht hier.
Meine Sicht auf diesen Film ist mittlerweile noch deutlicher.
Der Film sucht sein Publikum bei Zuschauern, die mit Langzeitfernreisen eher nichts am Hut haben, denn, wie bemerkt, es ist ein Projekt von ehemaligen Filmstudenten. Sie vermitteln allerdings nicht den Unterschied zu (Mopped-)Fernreisenden, die das ernsthaft betreiben, denn sie kennen die Unterschiede nicht.
Zum sozialen Aspekt: so was macht sonst (fast) niemand zu fünft. Zwei oder vier Leute sind die richtige Anzahl in einer Gruppe, und vier auch nur dann, wenn es durch kritische Gegenden geht. D.h. sie hatten sich vor der Reise nicht mal mit nichttechnischen Aspekten beschäftigt.
Zur Wahl ihrer Strecken: die fuhren ganz im Osten von Sibirien die "Straße der Knochen" nach Magadan. Und zwar die Sommerroute statt der besser ausgebauten Straße "für alle". Dort sind sie gescheitert und letztendlich unter Zurücklassen ihrer Fahrzeuge nur zu Fuß rausgekommen. Sie erzwangen die Hilfe von Einheimischen nicht nur dort. Das war ein provoziertes Abenteuer meineserachtens entweder der Dramatik des Films geschuldet oder aufgrund gewaltiger Naivität. Volles Risiko mit Ansage. Die hätten vorher "nur" die 2 oder 3 Wikipedia-Artikel lesen müssen, um zu wissen, daß es Gründe gibt, weswegen die Moppedfahrer, die durchkamen, namentlich erwähnt wurden. Das gibt es sonst eher nicht.
Solch einen Streckenabschnitt beginnt ein ernsthaft Reisender nicht mit Fahrzeugen, die zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar 100 Pannen hinter sich hatten und jederzeit wieder zusammenbrechen würden. Ein ernsthaft Reisender will ankommen, hat 'nen Überlebenswillen und versucht das Risiko abzuschätzen. Diese wesentlichen drei Punkte fehlen in diesem Film. Auch hinterher bei diversen Präsentationen oder Interviews fehlen diese Einsichten noch komplett. Ein ernsthaft Reisender würde genausowenig ständig die Notfallhilfe von Einheimischen erzwingen wollen, denn deren Motivation so was zu machen ist begrenzt. Der übernächste Hilfesuchende, der dort vorbeikommt, wird vielleicht mit Ignoranz oder gar mit geworfenen Steinen "begrüßt".
Das Problem ist, daß Zuschauer des Films solches Verhalten auf andere Reisende übertragen. Die harmlose Variante ist, daß "unsereins" lediglich verbal für einen Selbstmörder gehalten wird. Die weitere Folge ist, daß es bei unvorhersehbaren "Pannen" zu Ansichten dieser Art kommt: "die sollen ihre Rettung selbst bezahlen", siehe z.B. Algerien 2003.
Gruß, Ralf