Über eine interessante Begegnung im Antiatlas kann ich noch berichten. Unsere im Kohlbach Handbuch beschriebene Route ging von der Touristenstadt Tafraoute 30 km nach Südsüdosten, an den blauen Steinen vorbei, danach östlich abbiegen und kurz vor Izerbi nochmal östlich nach Ait Mansour, weiter nach Afella Ighir, dort nordöstlich weiter und ab etwa Tizerkine den Schildern nach Tafraoute folgend zurück.
Stellplatz südlicher Ortsausgang Tafraoute, gleich neben der Steinritzung Gazelle
Der weiße Farbklecks soll den blinden Touris zeigen, wo sie die Gazelle suchen müssen.
Ait Mansour, ein sehr idyllisches und schon touristisch entwickeltes Zwischenziel in einer tiefen, dicht von Palmen bewachsenen Schlucht, in der Nähe ein bekannter Wasserfall mit derzeit sehr wenig Wasser.
Den Hinweis im Kohlbachführer, dass hohe Fahrzeuge nicht durchfahren sollten, können wir nicht bestätigen. Die 320 von Andis Weißem waren nie auch nur annähernd ein Problem.
Weiter nordöstlich und ab Tizerkine wieder nordwestlich Richtung Tafraoute. Dann kamen wir auf diese schöne Piste und bereiteten den Nachtplatz direkt neben der kaum befahrenen Straße vor.
Im Laufe des späteren Nachmittags hielt ein vorbeifahrender PKW neben uns an und ein Marokkaner stieg aus. Er grüßte freundlich und kam an unseren Tisch. Wir boten dem Gast den besten Stuhl an und ein interessantes Gespräch begann. Said hat in Paris Anlagentechnik für Wasserbau und Elektrik studiert und ist nun als Ingenieur des staatlichen Wasseramtes mit einem Team im Landesinneren unterwegs, um Tiefbohrungen zu planen, zu bauen und zu betreiben.
Wie ein Dozent erklärte er uns die Zusammenhänge und hatte natürlich die aktuellen Zahlen im Kopf:
Von einzelnen wenigen Regionen und Ereignissen abgesehen hat es in Marokko seit 4-5 Jahren nicht mehr geregnet, auch die 8 Jahre zuvor lieferten weit unterdurchschnittliche Regenmengen. Deshalb sind fast alle Brunnen trocken und die Spiegel der Stauseen so tief gefallen, dass sie nicht mehr angezapft werden können.
An den Küstenregionen wurden große Meerwasser-Entsalzungsanlagen installiert, die in der Regel pro Sekunde 100 Liter trinkfähiges Wasser liefern und damit etwa 170 Tausend Menschen versorgen können, 50 Liter am Tag zugrunde gelegt. Die hohe Energie und die teuren osmotisch wirkenden Membranen, die man für diese Anlagen braucht, bedingen hohe Produktionskosten von etwa 2 Dollar pro 1000 Liter, die auf die Verbraucher umgelegt werden.
Im Landesinneren gibt es eine große Zahl an Tiefbohrungen, die fossiles Wasser aus in 280 Metern Tiefe liegenden Karsthöhlen absaugen und dieses in die lokalen Netze einleiten. Diese Bohrungen liefern 50 Liter pro Sekunde.
Abgelegene Bergdörfer werden mit Tanklastern versorgt und jeder Bewohner bekommt 50 Liter am Tag. Damit kann man ein paar kleine Tiere versorgen und Gartenbau zum Eigenbedarf treiben, mehr vermutlich nicht. Das Wasser kostet wieder 2 Dollar pro 1000 Liter, die Mehrkosten für Transport etc. zahlt der Staat.
Ein interessantes Detail: Wenn man Wasser aus einer dieser Höhlen absaugt, sinkt der Wasserdruck in dieser Höhle und Wasser aus tieferen Schichten fließt nach. Natürlich funktioniert dieser Mechanismus nicht ewig, die Gesamtmenge des Wassers ist hoch aber endlich.
Darauf angesprochen antwortet Said: "Inshallah." Auf Deutsch: „Gott wird es richten, das gehört zu seinen Pflichten.“
Wasseringenieur Said doziert über seine Tätigkeit
Für uns war das eine hochinteressante Begegnung, aber auch Said freute sich über den Kontakt, ging zu seinem Auto und brachte uns eine Tüte Zwiebel als Geschenk. Ich revanchierte mich mit einer Tafel hochwertiger Schweizer Schokolade, einer herben Sorte mit 85% Kakaogehalt, meiner Lieblingsmarke. Said öffnete sie sogleich und biss tief hinein. Da bemerkte er überrascht, dass es nicht die in Marokko übliche süße Pampe ist, die er selber vielleicht bevorzugte. Er sagte aber nichts.
Sepp