Wasserverlust
Jeder Wüstenreisende weiß, Wasser ist das Wichtigste in der Wüste. Es heißt, dass man drei Wochen ohne Nahrung auskommen kann, aber nur drei Tage ohne Wasser. Wer zu wenige Wasser mitführt, oder sich bei der Berechnung des Wasserverbrauchs verkalkuliert, der läuft Gefahr mit lebensgefährlichen Problemen konfrontiert zu werden.
Dieser Tag führt mich durch weite Ebenen. Der harte Boden bietet kaum Rollwiderstand und ich sollte an diesem Tag 21,5 Kilometer schaffen. Ein neuer Rekord auf dieser Reise, nachdem ich bisher weit unter 20 Kilometer lag.
Problematisch zeigen sich Anstiege mit riffeligem Sanduntergrund, besonders wenn der Sand vorübergehen weicher wird. Auch wenn ich die Karre noch so heftig in die von mir eingeschlagene Richtung ziehe, will sie einfach in eine andere Richtung, was sie mit leichten Bocksprüngen zur Seite anzeigt. Verdammt! Ich bin hier der Steuermann und gebe die Richtung an. Die Karre quittiert mir meine Unnachgiebigkeit mit einem eigenartigen knarrenden Geräusch, dem ich zunächst keine Bedeutung schenke. Erst als diese Geräusche immer deutlicher werden entschließe ich mich, dem Geräusch auf den Grund zu gehen. An beiden Seiten hatten sich die Achsmuttern gelöst. Vermutlich hatte ich sie nicht fest genug angezogen und die Vibrationen hatten die Muttern dann soweit gelöst, dass sie fast von der Achse gefallen wären. Mit einem 17er Ringschlüssel ziehe ich die Muttern an, dieses Mal allerdings etwas fester.
Scharfer steiniger Untergrund. Ich behandle meine Karre wie ein rohes Ei. Nur keinen Reifenschaden…
Spät am Nachmittag lege ich noch mal eine Pause ein. Ich bin heute gut vorangekommen und ich fühle mich etwas erschöpft. Ich lege mich neben meinem Wüstenwagen in den Schatten und döse vor mich hin.
Plötzlich höre ich ein Geräusch. Ich kann es nicht identifizieren. Vielleicht weil dieses Geräusch so unwahrscheinlich ist, ein Geräusch, dass ich nicht erwarten würde. Es hört sich an, als würde etwas tropfen. Tropf, tropf, tropf…. Trotz Müdigkeit schieße ich wie von einer Tarantel gebissen hoch. Meine Kanister verlieren Wasser!
Jedes Mal, wenn ich meine Karre abstelle, neigt sie sich nach Vorne und mit ihr die Kanister. Dadurch hebt sich der Wasserstand in den Kanister über den Einfüllstutzen. Und diese waren nicht dicht. Wie viel Wasser hatte ich schon verloren? Einen Liter, zehn Liter, oder mehr? Ich stelle eine leere 0,5 Liter Flasche unter die Tropfen und warte. Nach 20 Minuten das Ergebnis. In der Flasche hatten sich ca. 150 ml Wasser angesammelt. Das entspricht fast einem halber Liter pro Stunde. Bei jeder Pause hatte ich die Karre so stehen. Und zweimal die ganze Nacht. Vermutlich hatte ich mehr als 10 Liter Wasser verloren. Eine ganze neue Situation. Das Wasser sollte reichen, um von Siwa zum Bir Russia und wieder zurückkommen zu können. Das war nun ausgeschlossen. Was würde passieren, wenn es am Bir kein Wasser gibt oder das Wasser nicht genießbar ist? Am Bir hätte ich noch für 1,5 Tage Wasser. Die Strecke zurück würde aber mindestens fünf bis sechs Tage in Anspruch nehmen. Was tun? Zunächst dichte ich die Kanister ab. Ich lege ein Stück Plastikfolie über den Einfüllstutzen und drehe den Deckel fest zu. Dicht!
Jetzt blieb immer noch die Frage offen, was ich tun sollte. Ich hatte noch genügend Wasser, um die bisher zurückgelegte Strecke nach Siwa zurückzulaufen. Das Wasser würde auch noch bis Bir Russia reichen. Aber nicht wieder zurück. Ich schiebe die Entscheidung bis zum Abend auf. Am Nachtlager hätte ich genügend Zeit, um darüber nachzudenken.
